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Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.



Franziskus inszeniert das Weihnachtsgeheimnis, die Menschwerdung unseres Gottes

Franziskus inszeniert sein Leben

Im Leben des Franziskus und in seiner Persönlichkeit gibt es eine Reihe von Spannungsfeldern.Da ist auf der einen Seite das Bedürfnis nach Sammlung, Stille und Strenge, das an einen Einsiedler erinnert. Auf der anderen Seite erleben wir ihn unter den Menschen. Bei ihnen geht er nicht einfach unter, sondern macht auf sich aufmerksam und tritt in Szene. In den ersten Jahren seiner Bekehrung und seines neuen Lebens setzt er manchmal bewusst Akzente, die Verachtung und Spott auf ihn ziehen.

Wenn wir sein weiteres Leben anschauen, werden wir bemerken, dass der Hohn und Spott der Menschen nachlassen, ja später in Bewunderung und Verehrung umschlagen. Doch Franziskus bleibt einer, der sein Leben spielt und Szenen macht. Offensichtlich verbindet er damit zwei Ziele, sein Leben bzw. seine eigene Persönlichkeit zu finden und sie authentisch zu leben und auf der anderen Seite wird es für ihn eine Form des Apostolats.


Die eigene Persönlichkeit entdecken

Es gibt eine Reihe von Erzählungen aus dem Leben des Heiligen, die seinen Drang zeigen, sich selbst in Szene zu setzen und sich spielerisch zu entdecken. Eines Tages z. B. nimmt er ein Holzscheit, klemmt es zwischen sein Kinn und den abgewinkelten linken Arm und streicht mit einem Stock darüber, geradeso, als würde er Geige spielen. Er drückt seine innere Gefühlswelt in einer imaginären Musik aus und tanzt dazu. Ein andermal ist er sexuell angefochten und ringt um Treue in seiner Berufung. Mitten im Winter geht er ins Freie, formt eine Frau und Kinder aus Schnee, um sich selber die eigenen Möglichkeiten vor Augen zu führen und das Leben in einer Familie zu Ende zu denken. Das hilft ihm weiter.
In einer anderen Szene lässt er sich mit einem Strick um den Hals durch die Straßen von Assisi führen, um die Inkonsequenz seines Lebens an den Pranger zu stellen. Oder, er legt sich auf den Boden und bittet einen Bruder, ihm den Fuß auf den Mund zu setzen, um der eigenen Geschwätzigkeit Einhalt zu bieten. Franziskus spielt einen Bettelmann; noch kurz vor seinem Tod inszeniert er Abendmahl.

Franziskus hat eine frische und wendige, schöpferische Phantasie. Mit ihr findet er eine geistliche und menschlich gesehen gelungene Lösung: Er und seine Brüder wollen "ioculatores" sein. Aber nicht einfach so, sondern "ioculatores Domini", Spielleute des Herrn. Damit blieb die von Franziskus und seinen Brüdern bewusst gewählte Stellung der armen, verlassenen und erniedrigten Menschen am Rande erhalten. Gleichzeitig hatten sie die Möglichkeit, die Phantasie und Vorstellungskraft des Volkes anzusprechen. Franziskus hat ein sicheres Gespür dafür, dass das bloße Wort, die Predigt allein, nie dauerhaft fesselt. Offenbar hat er ein feines Gespür für die Psychologie der Massen und verstand, sich dieses Prinzip zunutze zu machen.


Spiel als Mittel der Verkündigung

Die "Brüder ioculatores" zogen, da sie Gaukler waren, sowohl in Assisi wie in den anderen Städten die Massen an. Sie hatten - da sie als Erwachsene den neuen Weg begannen - Erfahrung mit den Volksmengen mit ihren zuweilen wankelmütigen, zuweilen. leidenschaftlichen Stimmungen. Die Brüder schafften es, den Übergang vom Spiel zur Bußpredigt zu vollziehen. Dabei waren sie bereit, jede Demütigung und jedes Leid auf sich zu nehmen. Sie reagierten mit völliger Ergebung, grenzenloser Geduld und dem Gespür, dass ihre Macht, die Geduld war.

Franziskus sagt einmal, er sei dazu bestimmt, der "erstaunlichste Verrückte" in dieser Welt zu sein. In dieser "Verrücktheit" fand die Buße, die Franziskus predigen wollte, ihren Ort und ihre Gültigkeit.
Franziskus gestaltet sein ganzes Leben im höchsten Sinne des Wortes zum Mit- und Nacherleben. Es darf uns nicht verwundern, dass er auch als Prediger "spielt", dass er die christlichen Wahrheiten "darstellt", so, wie die weltlichen "ioculatores" in ihrer Art ohne geistlichen Hindergrund spielten. Unterstützt wurde also der mündliche Vortrag durch ungewohntes, eigenartiges Gebärdenspiel. Alles an ihm war Leben, Bewegung, Anschaulichkeit, so, dass man nicht nur hinströmte, um ihn zu hören, sondern auch, um ihn zu sehen. Thomas von Celano schreibt: "Dabei hatte er seinen ganzen Leib zur Zunge gemacht, um seine Zuhörer durch das Beispiel nicht weniger als durch das Wort zu erbauen." (1 Cel 97) Der ganze Mann sprach und die ganze Rede wurde im besten und edelsten Sinn zum Schauspiel.
Diesen höchst populären Vortragsstil wandte er immer an, ganz gleich ob er zu einfachen Leuten oder zu Gelehrten und Vornehmen sprach. Selbst vor dem Papst und den Kardinälen in Rom trat er nicht so auf, wie man das vielleicht erwartete.


Das Evangelium spielen

Franziskus hatte längst entdeckt, dass sein Lebensstil im Evangelium lag. Deshalb wollte er das Evangelium, d. h. Jesus Christus, wie er im Evangelium geschildert wird, immer besser kennen lernen. Damit wurde auch die Art, wie er selber zu leben hatte, konkreter. Er wollte diesen Jesus von Nazareth von der Krippe bis zum Kreuz, von seinen Worten bis zu seinen Taten immer näher kennen lernen. Das Lesen der Bibel und der Besuch an den Lebens- und Wirkungsstätten in Palästina genügten ihm nicht mehr. Er wollte Jesus erleben. Als Weg wählte er die szenische Darstellung. Er inszeniert Bethlehem mit der Geburt Jesu. Diese Krippenfeier ist eine vielen der Inszenierungen, in denen er im Laufe seines Lebens sich selbst und seinen Glauben erfährt und verkündet.

Sein Biograph Thomas von Celano erzählt: "Mehr als jedes andere Fest feierte er Weihnachten mit einer nicht zu beschreibenden Freude. Er sagte, dies sei das Fest der Feste, denn an diesem Tage ist Gott ein kleines Kind geworden und hat Milch gesaugt, wie alle Menschenkinder." (1 Cel 84; 2 Cel 199)
Er wollte die Nähe des göttlichen Kindes erleben und Erfahrungen mit ihm machen. Er hatte den Wunsch, an der Geburt in Bethlehem teilzunehmen und auch seinen Freunden diese Erfahrung zu schenken.

Einem Freund, mit Namen Johannes, sagt er: "Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar wie möglich mit leiblichen Augen schauen." (1 Cel 84)


Ein Glaube mit Händen und Füßen

Dem Bericht des Thomas von Celano über die Krippenfeier in Greccio ist noch heute anzumerken, wie viel Emotion, ja wie viel Sinnlichkeit Franziskus und alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten. Da ist die Rede von Seufzen, Mitleid, Jubel, leuchtenden Augen, jubelnden Felsen, glänzender Nacht, von Lippen, die den Namen Jesu verkosten. Alle sind mitgerissen von dem Spiel, von der Phantasie und der Ganzheitlichkeit.
Diese Feier muss jedes Jahr wiederholt werden, nicht nur in Greccio, sondern überall, wo Menschen sind. Die Feier in Greccio und das Fresko in der Höhle von Greccio aus der Zeit um etwa 1430 demonstrieren geradezu das positive Verständnis des Franziskus für den menschlichen Leib, für die Materie und die Schöpfung .Franziskus war überzeugt, und er will das auch verkünden: Gott hat alles gut geschaffen, das Geistige und das Leibliche. Gelegentlich geht Franziskus zwar auch nicht gut mit seinem Leib um. Doch rückblickend betrachtet er das als Sünde und bittet auch seinen geschundenen Leib (Bruder Esel) um Entschuldigung. Zur Zeit des Franziskus verteufelt man eher den Leib und die Sexualität. Das Fresko in der Höhle von Greccio zeigt, wie Maria dem Jesuskind die Brust gibt. Das ist ein Glaubenszeugnis. Es lautet: Gott ist wirklich Mensch geworden. Er ist in diese Welt gekommen, wie jeder Mensch über eine Mutter und war angewiesen auf die Milch seiner Mutter. Gott hat den menschlichen Leib und die menschliche Sexualität geheiligt.

Franziskus lässt die Grotte von Greccio wie einen Stall gestalten, mit Futterkrippe und Heu, einem Ochs und einen Esel und vermutlich auch mit einem Elternpaar, sicher mit einem kleinen Kind. Er lässt die Brüder aus der Gegend zusammenrufen. Auch die Laien - Männer und Frauen - jener Gegend sind eingeladen und sie kommen voll Freude mit Kerzen und Fackeln. Es wird richtig hell und offensichtlich fällt das Licht auch in die Herzen der Menschen. Greccio wird wirklich ein neues Bethlehem. Die Menschen sind so froh wie die Hirten in Bethlehem. Sie jubeln mit den Brüdern.

Franziskus selber kommt und freut sich, weil er alles so vorfindet, wie es in Bethlehem gewesen sein muss. Er legt die Gewänder eines Diakons an und singt die Frohbotschaft des Weihnachtsfestes. Sie fällt in die Herzen der Menschen. Bethlehem wird lebendig. Das erfährt vor allem Johannes Velita, der die Feier vorbereitet hatte. "Er sah nämlich in der Krippe ein lebloses Knäblein liegen, zu diesem sah er den Heiligen Gottes herzutreten, und das Kind wie aus tiefem Schlaf erwecken." (1 Cel 86)

Thomas von Celano legt diese Vision aus. Er sagt: Das Kind Jesus war tatsächlich in den Herzen vieler Menschen in den Schlaf des Vergessens versunken. Durch Franziskus wird es geweckt und für die Menschen wieder lebendig. Dies ist das Geschenk, das Franziskus den Menschen damals und heute machen will. Das Jesuskind soll durch die Inszenierung von Bethlehem den Menschen nahe kommen und für sie lebendig werden.

Franziskus will an seiner Krippe Ochs und Esel haben. Die Weihnachtsgeschichten des Neuen Testamentes erzählen bekanntlich nichts von Ochs und Esel. Offensichtlich kennt Franziskus aus dem Propheten Jesaja die Stelle: "Ein Ochs erkennt seinen Eigentümer, ein Esel erkennt die Krippe seines Herrn, Israel hat aber keine Erkenntnis, mein Volk hat keinen Verstand." (Jes 1,3)

Es gibt manche mittelalterliche Krippendarstellungen, bei denen diese beiden Tiere weit geöffnete, sehende Augen haben und Ohren, denen man anmerkt, dass sie wirklich hören.

Ochs und Esel stehen für das Volk Gottes, für die künftigen Glieder der Kirche Jesu Christi, die aus Juden und Heiden besteht. Vor Gott waren alle Menschen, Juden und Heiden, wie Ochs und Esel ohne Vernunft und Erkenntnis. Aber das Kind in der Krippe hat ihnen die Augen aufgetan - so, dass sie die Stimme ihren Herrn erkennen.

Wer erkennt in Bethlehem das Kind und damit das Zeichen der Offenbarung der Liebe Gottes? Wer erkennt es nicht?

Wer nicht erkannte, das war Herodes, der auch nichts begriff, als ihm von dem Kind erzählt wurde. Er wurde vielmehr von seiner Herrschsucht und seinem Verfolgungswahn noch tiefer verblendet. Wer nicht erkannte, das waren die vornehmen Leute in Jerusalem. Zu ihnen gehörten auch die gelehrten Herren, die Spezialisten der heiligen Schriften, die zwar genau die richtige Bibelstelle kannten, aber dennoch nichts begriffen.

Wer erkannte, das waren Maria und Josef, die Hirten und die Magier. Das waren schlichte Menschen, die bereit waren, sich belehren zu lassen, sich auf den Weg zu machen und auf die Knie zu gehen.

Gott kommt als Kind. Hilflosigkeit, Offenheit und Unschuld eines Kindes haben eine ganz eigenartige Ausstrahlung. Seine Unvoreingenommenheit überwindet rasch und mühelos alle Schranken. Auch die scheuen, verschlossenen, kontaktarmen und misstrauischen Menschen tauen auf und werden verwandelt.
Die Menschen dürfen nun sehen; Gott ist der Demütige. Keine Schranke der Hoheit und der Feme trennt uns von ihm. Er kommt uns als Kind entgegen, damit wir ungescheut „Du" zu ihm sagen, mit ihm auf „Du" und „Du" stehen können. Jene Barrieren, die Menschen ihm gegenüber und untereinander aufgerichtet haben, will er niederreißen; er will das friedliche und herzliche Miteinander ermöglichen. So wie sich um das Kind von Bethlehem eine neue Gemeinschaft formt, ist es auch in Greccio. Da sind Männer und Frauen, Brüder und Schwestern, Alte und Kinder, unter ihnen ist das Kind von Bethlehem, Jesus. Er verbindet sie. Von den Teilnehmern der Weihnachtsfeier in Greccio berichtet Celano: „Ein jeder kehrt in seliger Freude nach Hause zurück." (1 Cel 86)

Was hat Franziskus durch seine Inszenierung erreicht?

- Die Menschen sind sehender geworden.
- Sie haben das Zeichen der Liebe Gottes, Jesus, das Kind gesehen.
- Sie wissen im Kopf und mit dem Herzen: Ich bin bejaht und geliebt. Jesus ist mein Bruder geworden.
- Ihnen sind neue Maßstäbe aufgegangen: Das Herz ist wichtig. Der Kopf allein genügt nicht. Das Kleine ist vor Gott groß, das Zerbrechliche stark, die Hilflosigkeit allmächtig
- Jesus geht freiwillig den unteren Weg, um uns in die Höhe zu bringen - wir sind nicht allein auf unserem Weg, wir haben Brüder und Schwestern.
- Jesus will eine neue Gemeinschaft; er will das friedliche und herzliche Miteinander, geschwisterliche Kirche.
- Ich kann ruhig als Ochs und Esel dastehen. Das lässt mich sicherer den Weg zu Jesus finden.

Papst Johannes Paul II. sagte anlässlich seines Besuches in Greccio: "Greccio, das franziskanische Bethlehem, richtet auch an den Menschen von heute, der einerseits den Weltraum erobert, andererseits aber auch umgeben ist von einer beunruhigenden Leere an Werten und Sicherheiten, eine Botschaft des Friedens und des Heiles. Das göttliche Kind will die Herzen dieser Generation erreichen und gewinnen, in dem es sie einlädt zur Erfahrung unbegrenzter Liebe. Sie ist gekommen und hat unser sterbliches Fleisch angenommen, um uns Quelle der Vergebung und neuen Lebens zu werden."


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