Von einem heilig gesprochenen Menschen, der seit etlichen Jahrhunderten tot ist, einen historisch einwandfrei überprüfbaren Lebenslauf zu schreiben, wird meist unmöglich sein. Dies gilt auch im Fall der Elisabeth von Thüringen.
Dennoch soll im ersten Teil dieser Arbeit versucht werden, einige grobe Linien mit möglichst historisch abgesicherten Daten zu ziehen. Dazu greife ich zurück auf die Ergebnisse der Forschung, sowie auf überlieferte Quellen: Hierbei werden besondere Beachtung finden die "summa vitae", die von Konrad von Marburg, der in sehr engem Kontakt zu Elisabeth stand, verfasst wurde, sowie der "libellus de dicitis quatuor ancillarum s. Elisabeth confectus", der auf Zeugenaussagen von Weggefährtinnen zurückgeht. Beide Dokumente stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kanonisationsverfahren, geben also ein recht authentisches Zeugnis.
Im Jahr 1207, möglicherweise am 7. Juli, wird Erszébet Arpádhazi, die spätere "Elisabeth von Thüringen", als Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn und seiner Gemahlin Gertrud von Andechs-Meranien geboren.
Im Alter von vier Jahren wird Elisabeth auf die Wartburg nach Thüringen gebracht. Sie muss mitspielen bei einem taktischen Schachzug ihres Vaters: Um das imperiale Streben von Kaiser Otto IV. zu zügeln, bedarf es einer Verbindung der sich um Macht bemühenden Herrscherhäuser von Ungarn und Thüringen: Sie soll den Thronfolger der Landgrafen von Thüringen heiraten. So verbringt sie nun ihre Kindheit fern der Heimat und unter der Aufsicht ihrer zukünftigen Schwiegereltern Hermann und Sophie.
Diese beiden Figuren stehen gewissermaßen exemplarisch für die Zeit, in der Elisabeth lebt: Auf der einen Seite Hermann, der nach Macht und Einfluss strebende mittelalterliche Herrscher, bekannt für seine Zügellosigkeit, seinen verschwenderischen Lebensstil und seine Schläue. Auf der anderen Seite Sophie, seine gesellschaftsfähige Gemahlin, die die fromme, asketische Bußübungen praktizierende Seite des Mittelalters repräsentiert. In dieser Spannung also erlebt Elisabeth ihre Kindheit und schon sehr früh wird deutlich, dass sie einen gläubig-religiösen Weg einschlägt, stets kritisch beäugt von Mitgliedern des Standes, in den sie eigentlich durch die Geburt gehört.
Im Jahr 1221 wird Elisabeth, damals 14 Jahre alt, mit Ludwig, dem zweiten Sohn des Landgrafen, vermählt. Schnell wird deutlich, dass diese arrangierte Ehe mehr ist als eine Zweckehe: "Sie waren in wunderbarer Weise einander zugetan" liest man im "Büchlein über die Aussagen der vier Dienerinnen". Diese von gegenseitiger Zuneigung geprägte Beziehung ermöglicht es Elisabeth, genügend Freiräume zu haben für ihre Werke der Nächstenliebe: "Denn obwohl ihr Gemahl als Herrscher gezwungen war, sich um irdische Angelegenheiten zu kümmern, […] ließ [er] der sel. Elisabeth volle Freiheit zu allen guten Werken der Frömmigkeit und Verherrlichung Gottes; er trieb sie sogar dazu an zum Heil ihrer Seele." Gemeinsam mit ihm gründet sie 1223 ein Spital in Gotha, drei Jahre später ein Spital in Eisenach. Dieses Jahr (1226) ist auch der Zeitpunkt einer großen Hungersnot. Da ihr Mann in Italien weilt, verwaltet sie die landgräflichen Güter und versucht, die Not zu lindern: Aus den Einkünften der Ländereien und aus dem Verkauf von Schmuck erhält sie die notwendigen finanziellen Mittel, um die Armen einerseits mit Nahrung zu versorgen, sie andererseits auch zur Selbsthilfe anzuregen, indem sie Handwerkszeug anschafft: "Das alles verteilte sie mit eigener Hand und frohem Herzen".
Mit dieser Solidarisierung mit den Armen liegt sie wohl ganz auf der Linie der um dieselbe Zeit entstehenden franziskanischen Bewegung. Seit 1225 sind die Franziskaner in Eisenach; Elisabeth unterstützt sie beim Bau einer Kapelle und der Laienbruder Rüdiger wird als regelmäßiger Gesprächspartner erwähnt.
Zu einem tiefen Einschnitt in ihr Leben kommt es im Jahr 1227: Ihr Mann Ludwig beteiligt sich an einem Kreuzzug und schon bei der Einschiffung stirbt er an einer Seuche. Nun beginnt eine sehr bewegte Zeit in Elisabeths Leben: Zunächst die Flucht (oder Vertreibung) aus der Burg; der Wunsch, in ein Kloster einzutreten; dann der Versuch ihrer Verwandten, sie wieder zu verheiraten oder nach Ungarn zurück zu holen; schließlich die Weggabe ihrer Kinder und die totale Hingabe an die Armen: Mit dem Erlös des ihr zugestandenen Witwenguts kann sie in Marburg ein Grundstück erwerben und ein Hospital errichten.
In dieser Phase gewinnt Magister Konrad von Marburg, der seit 1225 ihr "geistlicher Führer" ist, immer mehr an Bedeutung. Er, dem Elisabeth Gehorsam gelobt hat, stellt für sie Lebensregeln auf und übernimmt im Auftrag des Papstes Gregor IX. nach dem Tod Ludwigs eine Schutzfunktion für Elisabeth.
Er greift immer wieder Richtlinien gebend ein in das Leben Elisabeths, welches sie von nun an als "Krankenschwester" im Hospital verbringt. Er entfernt aus ihrer Nähe die ihr lieb gewordenen Begleiterinnen und stellt ihr widerwärtige Helferinnen zur Seite, um ihr jeglichen menschlichen Trost zu verwehren und so ihr Streben allein auf Gott zu richten. Aber er gibt auch darauf Acht, dass Elisabeth sich nicht völlig bedenken- und grenzenlos "verschenkt": So verbietet er ihr nach einiger Zeit das Verteilen von Geld; nur Brot darf sie dann noch ausgeben.
Doch sie gibt, was immer sie kann; und für viele wird sie eine "zweite Mutter" - bis zu ihrem frühen Tod: In der Nacht vom 16. auf den 17. November des Jahres 1231 stirbt Elisabeth von Thüringen in Marburg.
Unmittelbar nach ihrem Tod verstärkt sich bei vielen Menschen aus ihrer Umgebung die Gewissheit, dass Elisabeth eine Heilige gewesen sein muss: An ihrem Totenbett geschehen wunderbare Heilungen und von ihrem aufgebahrten Leib werden Körper- und Kleidungspartikel als Reliquien mitgenommen. Auf Bitten Konrads, der ein besonderer Verfechter eines Heiligsprechungsprozesses war, zeigen die Gläubigen zahlreiche Wunder beim Erzbischof an. Als dieser jedoch untätig bleibt, übernimmt Konrad selbst die Regie: Er verfasst seine bereits erwähnte "summa vitae", die er zusammen mit einem Begleitschreiben und den Wunderberichten nach Rom schickt. Vom Papst werden verschiedene Kommissionen eingesetzt und schließlich wird Elisabeth von Gregor IX. am 27. Mai 1235 heilig gesprochen.
Im gleichen Jahr wird in Marburg mit dem Bau der Elisabethkirche begonnen. Unter der Führung des Deutschen Ordens entsteht hier ein reger Wallfahrtsbetrieb. Das Land Hessen erwählt sie zur Patronin, sie gewinnt zunehmend an Bedeutung für die in derselben Zeit entstehende franziskanische Bewegung und vor allem im Spätmittelalter werden zahlreiche Hospitäler nach ihrem Namen benannt.
Durch die Reformation wird diese Entwicklung ein Stück weit eingedämmt, doch auch heute noch ist die hl. Elisabeth eine der wohl bekanntesten Heiligen in Deutschland.
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