Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.
Kampf gegen die Dämonen
Wir feiern morgen das Fest des hl. Antonius des Einsiedlers. Berühmt ist das Bild: "Die Versuchung des hl. Antonius". Sein Leben in der Einsamkeit war geprägt vom Kampf mit Dämonen. In unserer letzten Besinnung haben wir gehört, dass Franziskus die Freude als eine entscheidende Waffe im Kampf mit den Dämonen sieht. Die Wüstenväter haben die Hindernisse auf dem Weg der Nachfolge Christi dämonisch erlebt. Sie sind überzeugt, dass die Dämonen, die Begegnung mit dem lebendigen Gott verhindern wollen. Wir kennen dieselben Erfahrungen, aber wir benennen sie anders: Es sind dunkle Anteile unserer eigenen Seele, die uns immer wieder um die Erfahrung des lebendigen Gottes bringen. Das individuell Böse im Herzen des Menschen reicht jedoch nicht aus, um die Untiefen des Bösen zu ermessen. Es muss uns beeindrucken: Diese Macht wirkt geplant und gelenkt.
Der Weg in die eigene Mitte ist ein Weg durch die inneren Abgründe und Dunkelheiten. Je weniger wir Ablenkung von außen haben, umso mehr spüren wir die Hindernisse von innen. Ein Beispiel: Die getreue Übung des Betens - zur gleichen Stunde und mit ganzer Sammlung - ruft sofort eine Schar von Dämonen auf den Plan: "Du bist zu müde" sagt der eine. "Heute bist du ohnehin schon in Eile" sagt der andere. "Du wirst ja doch gestört" sagt der dritte. Und es sind noch viel mehr. Ein anderes Beispiel: Vorsatz und Anfang des Fastens locken sofort ein ganzes Heer von Dämonen an: "Nur noch ein bisschen" sagt der eine. "Du kannst auch morgen noch anfangen" sagt der andere. "Du hältst es sowieso nicht durch" sagt der dritte. "Du schadest deiner Gesundheit" sagt ein anderer. Nur ein Übungsweg bringt uns geistlich voran. Wer ihn betritt, bekommt es mit den Dämonen zu tun. Die Wüstenväter kennen eine Reihe von namhaften Dämonen, denen wir vielleicht auch schon begegnet sind: den der Völlerei, den der Unzucht, den der Habsucht, den der Traurigkeit, den des Zorns, den Dämon des Überdrusses, den der Ruhmsucht und den des Stolzes. Jeder Dämon tritt auf mit einer Heerschar von Einreden oder Ausreden und einer Menge von guten Gründen, den eingeschlagenen Übungsweg bleiben zu lassen.
Ähnliche Erfahrungen, wie die Wüstenväter kennt auch unser Ordensvater Franziskus von Assisi. Er war gar nicht so sehr der unangefochtene, strahlende "Sieger", als der er manchmal hingestellt wird. Er war ein Mensch, der auch von der Angst gepackt werden konnte, der sich von Dämonen verfolgt fühlte, sich als großer Sünder empfand und Trost suchte und auch fand.
Franziskus wird gelegentlich so angefochten, dass er in der Nacht einen Bruder ruft und ihm sagt: "Bruder, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen, noch aufrecht stehen, um zu beten; denn mein Haupt und meine Beine zittern... Als ich heute Abend die Komplet sprach, merkte ich, dass der Teufel die Zelle betrat. Ich sehe daraus, wie schlau der Teufel ist, denn da er meiner Seele nicht schaden kann, will er wenigstens meinen Leib quälen, so dass ich nicht schlafen und beim Beten nicht aufrecht stehen kann. So will er die Andacht und die Heiterkeit meines Herzens stören, damit ich versucht werde, wegen meiner Leiden zu murren." Die Brüder trösteten einander (aus: Der Spiegel der Vollkommenheit, VIII. Buch).
Gerade im Kampf mit den widergöttlichen Mächten baut Franziskus auf die Hilfe der Brüder. "Als er einmal von Herrn Leo, Kardinal von S. Croce, gebeten wurde, bei ihm in Rom ein wenig zu verbleiben, wählte sich der Heilige als Wohnung einen abgelegenen Turm, der durch neun Bogengewölbe gleichsam in kleine Einsiedeizellen eingeteilt war. Als er in der ersten Nacht nach dem Gebet, das er Gott dargebracht, sich zur Ruhe begeben wollte, kamen Teufel und rüsteten zu einem feindlichen Kampf mit dem Heiligen Gottes. Sie schlugen ihn lange und grausam genug und ließen ihn schließlich halbtot liegen. Als sie sich entfernt hatten und der Heilige wieder zu Atem gekommen war, rief er seinen Gefährten, der unter einem anderen Bogengewölbe schlief, herbei und sagte zu ihm: "Bruder, ich wünsche, dass du bei mir bleibst, denn ich fürchte mich, allein zu sein. Es haben mich nämlich eben Teufel geschlagen. Der Heilige zitterte noch, und es schüttelte ihn an allen Gliedern, gleich als hätte er ein sehr heftiges Fieber auszustehen." (2 Cel 119)
In seiner Erklärung zum Vater Unser ergänzt Franziskus von Assisi: Erlöse uns von dem Bösen, "dem vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen." Franziskus rechnet mit dem Teufel und seinem Wirken. So schreibt er z.B. in der nichtbullierten Regel, Kap. 22,5: "Denn durch ein fleischliches Leben will der Teufel uns die Liebe Jesu Christi und das ewige Leben rauben und sich selbst mit allen in die Hölle stürzen."
Es gibt heute zahlreiche "wissenschaftliche Bücher", in denen die biblischen Aussagen über den Teufel als unzumutbar, als "Märchen" und "Mythen" hingestellt werden. Andererseits sind manche traditionellen Vorstellungen so naiv, dass sie wirklich abgelehnt werden müssen. Es wurde und wird zwar viel über den Teufel geredet, aber vielleicht ist bei vielen Christen die geistliche Fähigkeit, sein Wirken und seine Einflüsse wahrzunehmen, unterentwickelt.
Wenn wir am Ende des Vater Unser unmittelbar vor der hl. Kommunion beten: "Erlöse uns von dem Bösen", darf dies keine leere Formel sein, denn gerade an geistlich entscheidenden Punkten muss mit dem Widerstand widergöttlicher Mächte gerechnet werden. Jesus selbst wurde nach seiner Taufe am Jordan und der ihm geschenkten Geist-Erfahrung "vom Teufel in Versuchung" geführt (vgl. Lk 4,2). Die Bibel sagt, Gott hat die Welt der "reinen Geister" geschaffen. Reine Geister werden sie genannt, weil sie an keine leiblichen Sinne gebunden sind.
Wie kann man sich den Bösen, das Böse, vorstellen?
Nach dem Neuen Testament sind die bösen Geister "Person". Sie sind aber nicht in derselben Weise Person wie der Mensch. Die Hl. Schrift sagt: Er war "ein Mörder von Anfang an. Wenn er lügt, sagt er das, was aus ihm selbst kommt; denn er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge" (Joh 8,44). Er "sündigt von Anfang an" (1 Joh 3,8). "Der Herrscher dieser Welt" (Joh 12,31; 14,30; 16,11), "der Gott dieser Weltzeit" (2 Kor 4,4). Er verblendet das Denken der Ungläubigen (2, Kor 4,4), hindert das Missionswerk des Apostels (1 Tes 2,18), verführt die Gläubigen zur Sünde (Apg 5,3).
Da reine Geister wesentlich unabhängiger von Raum und Zeit sind, kann man den Teufel nicht "lokalisieren". Man kann sich ihn auch nicht "vorstellen". All die Abbildungen in: Tiergestalt (Drache, schwarzer Hund...) oder als Mensch, Ochs- oder Pferdefuß, mit Vogelkralle, Flügel, Schwanz und Hörnern, sind theologisch irreführend und für das geistliche Leben gefährlich. Auf diese Weise wird die Wirklichkeit des Bösen vermenschlicht. Im Epheserbrief dagegen heißt es: "Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs." (Eph 6,12)
Die personale Existenz des Teufels ist total entstellt. Zum Person-Sein gehört immer die Beziehung zu anderen Personen. Der Teufel bleibt als Geschöpf zwar immer von Gott abhängig und somit in einer Beziehung, die er nicht einfach abschaffen kann, aber sie ist für ihn nicht mehr verbunden mit Liebe zu Gott, sondern ins Negative gewendet. Deshalb kann auch der Teufel sich selbst nicht lieben. Die satanische Selbsterfahrung ist die Verweigerung jeglicher Beziehung.
Der Böse schleicht sich ein in unsere menschliche Beziehung zu Gott; zu anderen Menschen und zu uns selbst, um teilzuhaben an diesen Beziehungen und wie ein Schmarotzer von ihnen zu leben. Er wird so zu der Macht, welche unsere Beziehung zu Gott, zu uns selbst und zu anderen Menschen stört und verhindert. Er sucht zu spalten und zu trennen.
Die personalen bösen Mächte, wirken durch unser Unbewusstes auf unser Bewusstsein ein; sie tun dies nur dann, wenn wir uns ihnen öffnen bzw. die Beziehung zu Gott nicht pflegen oder aufgeben.
Es gibt offenkundige Anzeichen des Bösen. Offenkundig ist der Einfluss des Bösen dort, wo es zu feindseliger Konfrontation zwischen Menschen kommt, wo Hass und Vernichtungswillen Menschen voneinander trennen. Auch der Zerfall menschlicher Beziehungen in Ehe und Familie mit seinen neurotischen Folgen kann ein Einfallstor für den Bösen werden.
Im Verhältnis des Menschen zu sich selbst ist der Einfluss dämonischer Mächte offenkundig in tödlicher Verzweiflung und zerstörerischer Ich-Betonung. Es kann jemand so an innerweltliche Dinge gebunden sein, dass es für ihn notwendig ist, zu beten: "Erlöse mich von dem Bösen" und "Ich widersage" z.B. Abhängigkeit von einer bestimmten Person, vom Horoskop, vom übertriebenen Fernsehen, vom Alkohol und anderen Süchten.
Es gibt aber auch schwer erkennbare Anzeichen des Bösen. Hierzu gehört die kaum wahrnehmbare Übertreibung. Beispielsweise kann der Teufel uns vormachen, wir müssten bei einer persönlichen Entscheidung für Gott einen solchen Berg von Aufgaben, Verpflichtungen und Entbehrungen meistern, dass wir uns von vornherein überfordert fühlen und den Umkehrweg gar nicht antreten. Dabei wird Gott gesehen als einer, der nur fordert, ja sogar überfordert. In Wirklichkeit ist er es, der die Kraft für den Umkehrweg gibt. Durch Übertreibung wird das Gute nicht besser und das Wahre nicht "wahrer", sondern ins Gegenteil verkehrt.
Auch die übertriebene Beschäftigung mit dem Negativen im eigenen Leben oder bei anderen, mit charakterlichen Schattenseiten und inneren Verwundungen kommt vom "Geist der Täuschung". Wer sich auf das Negative fixiert, ist gespalten, nährt die Angst und steigert das Misstrauen gegen die heilende und befreiende Gnade Gottes. Dies alles sind Spuren des Wirkens Satans.
Jesus hat durch seine Erlösungstat am Kreuz, die wir in jeder Messe feiern, "den Herrscher dieser Welt hinausgeworfen" (Joh 12,31) und ihn ein für allemal besiegt. Gott allein hat die Kraft, "die bösen Mächte auszutreiben."
Erlöse mich von dem Bösen
Die Vater-Unser-Bitte "erlöse uns von dem Bösen" ist sehr ernst zu nehmen. Jeder Christ und die ganze Kirche, insofern sie auch immer sündige Kirche ist, bedarf jederzeit einer solchen Erlösungs- und Befreiungstat.
Franziskus bemerkt, dass jene vom Teufel getäuscht sind und blind, die nicht in Buße leben, den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus nicht empfangen, die Laster und Sünden begehen, die nach der bösen Begehrlichkeit und nach bösen Süchten wandeln, die in fleischlichen Begierden der Welt dienen und in dem geschäftigen Treiben dieser Welt und den Sorgen dieses Lebens sich verlieren (Br. Gl. 2, 63-66).
Es kann ein entscheidender Schritt im geistlichen Leben eines Christen und ein Durchbruch zur Wahrnehmung der widergöttlichen Mächte sein, wenn ein Christ zum ersten Mal sehr bewusst betet: "Erlöse mich von dem Bösen." Dabei setzt er voraus, dass überhaupt das Böse in seinem Inneren gegenwärtig ist und immer wieder im Sinne von Markus 7,21 aus ihm aufsteigen will. Hinzu kommt der Glaube, dass Gott jetzt anwesend ist, ihm zuhört und durch seinen hl. Geist das Böse in ihm niederhalten will.
Es hat eine befreiende, eine mit Gott verbindende und auch innerlich erlösende Wirkung, wenn wir dieses Gebet persönlich auch laut sprechen. Herr, du weißt wie in mir jetzt das Böse aufsteigen will, ich spüre es. Ich bitte dich jetzt befreie mich von dem Bösen, damit der Geist des Friedens, der Sanftmut, der, Geduld und der Demut in mir Raum gewinnt.
Gemeinschaftliches Beten: Erlöse uns von dem Bösen
Wenn in einer Gruppe, in einer .Gemeinschaft oder in einer Gemeinde unerkannte, verdrängte oder unaufgearbeitete Spannungen, Verletztheiten oder Rechthaberei das geistliche Leben blockieren, ist es hilfreich, als Gemeinschaft vor Gott zu treten und zu beten: Herr befreie uns von dem Bösen! Hilf, dass in dieser Versammlung, in dieser Gemeinschaft, in unserer Familie, in unserer Pfarrgemeinde der Geist der Zwietracht und Konfrontation keinen Raum hat.
In der Biographie des Antonius des Einsiedlers, welche der hl. Athanasius ein Jahr nach seinem Tod, im Jahr 357, verfasste, heißt es:
"Auch wollen wir uns nicht Befürchtungen einbilden, indem wir sagen: Es wird doch nicht etwa ein Dämon kommen und mich zugrunde richten, oder mich emporheben und irgendwo hinabstürzen, oder plötzlich neben mich treten und mich in Panik versetzen. Derartigen Gedanken wollen wir nicht nachhängen und keinen Depressionen verfallen, als seien wir verloren. Lasst uns vielmehr guten Mutes sein und uns freuen, weil wir gerettet werden. Und lasst uns denken: Mit uns ist der Herr, der die Dämonen vertrieben und ihre Kraft vernichtet hat. Und allezeit lasst uns herzlich erwägen, dass die Feinde uns nichts antun werden, so lange der Herr mit uns ist… Finden sie uns also feige und verwirrt, dann treten sie sogleich auf wie Räuber, die das Gelände ungesichert vorfinden; und was wir schon von uns aus denken, das verstärken sie noch. Denn wenn sie uns in Furcht und Zagen sehen, dann steigern sie unsere Furcht noch durch ihre bedrohlichen Erscheinungen, und darin liegt am Ende die Strafe für die Seele, die sich drangsalieren lässt. Wenn die Dämonen aber finden, dass wir fröhlich sind im Herrn, an die künftigen Güter denken und in unserem Herzen erwägen, was des Herrn ist, und wenn wir uns klar machen, dass alles in der Hand unseres Herrn liegt und kein Dämon Macht über einen Christen hat, ja überhaupt über nichts und niemand verfügen kann - wenn sie also sehen, dass die Seele durch solche Gedanken unangreifbar geworden ist, dann ziehen sie sich, zuschanden gemacht, wieder zurück."
Auch Franziskus hatte die Freude, als Waffe gegen den Teufel genannt.
Ein weiteres Mittel, die Dämonen zu vertreiben, ist nach der Tradition das gute Wort, das biblische Wort. Es ist so etwas wie ein Anker für die Seele, damit sie sich nicht verliert. Das gute Wort muss mit dem Mund gesprochen werden, damit die Seele es behält. Es muss mit dem Ohr gehört werden, damit es nicht leer verhallt. Es entfaltet seine Kraft, indem es wieder und wieder gesprochen wird.
Jede Verhöhnung und Verspottung kann der dunklen Macht nur willkommen sein, weil sie sich im Schutzmantel der Verleumdung unbehindert entfalten kann. Hüten wir uns darum, den Teufel an die Wand zu malen, aber bleiben wir auch wir auf der Hut, um dem Fallstricken des Arglistigen nicht zu erliegen.
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