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Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv



Das Christusbild des Franziskus

Wer das Christusbild des Franziskus näher kennen lernen will, wird zunächst auf seine Zeit schauen müssen. Die Volksfrömmigkeit des Hochmittelalters drückte ihr Christusbild in vielen Dokumenten, aber auch in den Tympanons der romanischen Kirchen aus. Diese in Stein gehauenen Zeugnisse waren die Bibel und das Credo der Menschen. Sie zeigen uns Christus als allmächtigen Gott, als ruhmreichen König, der majestätisch auf dem Thron sitzt und die Huldigung des ganzen Universums entgegennimmt: Er ist Richter des ganzen Universums. Die Antwort der Gläubigen ist ein Gefühl der Gottesfurcht und die Verpflichtung ihm zu huldigen.

Im 5. Jahrhundert wurde Christus unter dem Einfluss der Liturgie des Ostens immer mehr zum unnahbaren Gott, zum Pantokrator. Dadurch wurde das menschliche Antlitz Christi geschwächt. Als später die Gesellschaft immer stärker hierarchisch strukturiert und dies als Gottes Wille gesehen wurde – mit Christus an der Spitze – wurde das Christusbild im Sinne des unnahbaren Gottes und des Pantokrators noch verstärkt. Christus der Herr wird Heerführer und die Christen kämpfen unter der Fahne dieses Großkönigs. Die Päpste bedienten sich dieser Auslegung in den Kreuzzügen, um Kaiser und Könige zu unterstützen. Vor Christus, dem obersten Herrn und Richter, war für die Gläubigen nur noch Anbetung und Ehr-Furcht angebracht.

Der hl. Bernhard von Clairvaux kann als wirkungsvoller Förderer der Verehrung der Menschheit Christi gesehen werden. Obwohl Origenes, Gregor der Große, der hl. Anselm und Petrus Damiani von der Menschheit des Erlösers sprachen, der am Kreuz stirbt; obwohl sie seine Demut, seine Gefühle, seine Freuden und seine Leiden in zarten Worten formuliert hatten, wurde Bernhard zur entscheidenden Gestalt in der Entwicklung der christlichen Frömmigkeit. Seine Sicht des Christus blieb vermutlich stark auf die Klöster beschränkt. Es scheint, dass es Franziskus stärker gelang, die Aufmerksamkeit der Volksfrömmigkeit auf den Gott-Menschen, auf den Menschen Jesus, die Offenbarung der Liebe des Vaters, zu lenken.

Wenn man die Schriften des Franziskus liest, stößt man auf dieses doppelte Erbe: Jesus Christus ist Herr und Jesus Christus ist Mensch.


Die Entdeckungen des Franziskus

Bei Franziskus ist die Entdeckung Jesu Christi Frucht eines menschlichen und geistlichen Weges, auf dem über kleine Schritte Jesus Christus ein Gesicht bekommt, das fasziniert und überrascht. Eine wichtige Station auf diesem Weg voller Entdeckungen ist sein Erlebnis in dem Kirchlein San Damiano: Ein Kirchlein am Rande Assisis, das am zerfallen ist, aber den kostbaren Schatz einer Christus-Ikone enthält. Es ist ein Gekreuzigter mit ausgebreiteten Armen, großen Augen, kein Leidensknecht, sondern einer, der das Leiden überwunden hat und am Kreuz steht bzw. schon triumphiert. Sein Gesichtsausdruck spricht an und sein Ruf geht durch Mark und Bein. Franziskus betet:

"Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe.
Gib mir Herr das rechte Empfinden und Erkennen
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle".

Es ist ein Gebet, in dem wir das vorfinden, was wir auch in seinen Schriften entdecken: Der Gekreuzigte ist nicht Symbol für ein Scheitern, das man beklagen oder beweinen muss, sondern das menschliche Antlitz des höchsten und glorreichen und lebendigen Gottes. Hier entdeckt Franziskus: Gott ist gekreuzigte Liebe. Siehe das Franziskuswort vom Berg La Verna: "Die Liebe wird so wenig geliebt".

In Zukunft wird Franziskus das Kreuz nicht mehr vom Ruhm, den Tod nicht mehr vom Leben trennen und auch nicht den Christus, der gestern gekreuzigt wurde und heute lebt und in Herrlichkeit ist. Sein ganzes Leben ist geprägt von diesem doppelten Aspekt Jesu: Er ist Knecht und Retter; er ist Herr. So schreibt Franziskus in seinem Testament: "Und der Herr gab mir in den Kirchen einen solchen Glauben, dass ich Einfalt so betete und sprach: 'Wir beten dich an, Herr Jesus Christus – und in allen deinen Kirchen, die in der ganzen Welt sind, und wir preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast'" (Test 4,5).


Christus ist Herr und Gott

Franziskus nennt Christus niemals nur "Jesus" oder "Jesus Christus" oder nur "Christus" sondern immer "Herr Jesus (Christus)" oder "unser Herr Jesus Christus". Dies ist seine häufigste Anrede.

Für Franziskus ist Christus so sehr Mensch und Gott, dass er niemals das Menschliche vom Göttlichen trennt. Er sieht immer eine lebendige Person, den Gottmenschen, in dem und mit dem der Vater und der hl. Geist zusammenwirken. Seine Christologie ist niemals losgelöst von der Dreifaltigkeit. Franziskus zeigt ein starkes Bewusstsein für die Göttlichkeit Christi und seine Gleichheit mit dem Vater. Es ist unmöglich, diesen Herrn Jesus Christus mit irgendeinem großen Propheten, einem genialen Reformer oder einem schlichten, aber besonders begabten Wegbegleiter zu verwechseln. Er ist Gott..., er ist Herr. An die Lenker der Völker schreibt Franziskus: "Und bereitet doch dem Herrn unter dem euch anvertrauten Volk so große Ehre, dass an jedem Abend durch einen Herold oder durch irgendein Zeichen angesagt werde, das ganze Volk bringe Gott dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank dar. Und wenn ihr das nicht tut, so wisst, dass ihr vor eurem Herrn und Gott, Jesus Christus, am Tage des Gerichtes Rechenschaft ablegen müsst" (BrLenk 7,8). "Höchster, glorreicher Gott..."

Diesen Lobpreis und Dank, aber auch Ehrfurcht und Anbetung bringt er vor allem dem eucharistischen Herrn entgegen.


Christus ist Knecht

Franziskus rühmt Gott immer wieder, dass er "durch seine heilige Liebe, mit der du uns geliebt hast, ihn selbst als wahren Gott und wahren Menschen aus der glorreichen, allerseligsten, immerwährenden Jungfrau, der hl. Maria hat geboren werden lassen" (NbReg 23,3). Im Gegensatz zu vielen Irrlehrern seiner Zeit lenkt Franziskus die Menschen auf das Wunder, das ihn zutiefst berührte: Gott nahm einen menschlichen Leib an. In seinem Glauben trennt Franziskus in Christus nie die göttliche und die menschliche Natur. Franziskus betet Christus an und preist ihn, weil er durch sein Kreuz zum Erlöser der Welt wurde. Für ihn sprudelt die Ehre Christi des Herrn aus seiner Erniedrigung, aus seiner gekreuzigten Menschheit. In ihr offenbart sich auch Gottes Herrlichkeit.

Franziskus ist gerade die Menschwerdung unseres Gottes ans Herz gewachsen und er sah es als seine Berufung an, sie durch "Wort und Beispiel" zu verkünden. Die Entäußerung unseres Gottes drückt er in verschiedenen Bildern aus:

- Christus der Diener: Christus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Dieses Christusbild hat Franziskus besonders getroffen. Der Gründonnerstag spielt in seinem Leben eine besondere Rolle. Er nennt seine Brüder "Mindere" und will, dass sie den Dienst der Fußwaschung leisten.

- Christus der Leidensknecht: Vor allem in seinem Stundengebet zum Leiden des Herrn begegnen wir diesem Bild. Er bringt seine Einsamkeit im Leiden und sein kindliches Vertrauen zum Vater zum Ausdruck.

- Christus der Bettler und Pilger: Christus der Herr wird auf dem Weg geboren "Und er ist arm gewesen und ein Fremdling und hat von Almosen gelebt" (NbReg 9,5). Jesus ist der Pilger des Vaters, der eine tiefe Spur im Herzen der ganzen Menschheit hinterlässt.

- Christus der Wurm im Staub: Auch dieses Bild erinnert Franziskus an die Menschwerdung Christi, der durch seine Menschwerdung "ein Spott für die Menschen und die Verachtung des Volkes" (BrGl II,46) wurde. Aufgrund der Sünde war der Mensch wie ein Nackter in seinem Elend und verlassen wie ein Wurm auf der Straße. Christus hat sich ihm gleich gemacht.

- Christus das Lamm: Im Geheimnis der Eucharistie sieht Franziskus das Bild des Lammes, das sein Blut freiwillig vergießt und zum Blut des Neuen Bundes wird. Doch es hat zwei Aspekte. Es ist nicht nur das Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt, sondern auch jenes, das nach der Apokalypse auf dem Throne sitzt.

- Christus der gute Hirte: Ein Bild, das dem Franziskus besonders am Herzen liegt. Der gute Hirte ist der, der sein Leben für seine Schafe gibt und gleichzeitig der, welcher zur Fülle des Lebens führt (Erm Kap. 6).

Es zeigt sich, dass Franziskus wirklich ein Mann seiner Zeit ist, der die Christusbilder seines Lebensbereichs teilt. Aber gleichzeitig ein Mann, der so tief in das Evangelium und in die Liturgie eingetaucht ist, dass er deren Grenzen korrigiert.


Hilfreich können folgende Fragen sein:

1. Wer ist Jesus Christus für mich?
Oder wir können uns auch von Jesus fragen lassen:
Wer bin ich für Dich?
In welcher Beziehung lebe ich zu ihm? Wo ist er mir fremd?
Wann geht mir das Herz auf, wenn ich an ihn und seine Worte und Taten denke?
Wann geht es mir wie den Jüngern, von denen es einmal heißt, dass sie IHN immer noch nicht verstanden.

2. Schau einmal auf Dein eigenes Glaubensleben zurück und frage Dich, wann und wie Jesus Dir von anderen vorgestellt wurde? Wer waren diese anderen?
Erinnere Dich an die Schriftstellen, in denen Dir das Evangelium Jesu, ja ER selber, nahe gekommen ist.

3. Es kann auch eine Hilfe sein, wenn Du bedenkst, dass es im Neuen Testament ungefähr 150 verschiedene Namen, Titel, Bilder und Bezeichnungen für Jesus gibt. Die ersten Christen und die ersten Christusgegner haben weit über 100 Namen gefunden, die alle etwas davon ausdrücken, wer Jesus für sie war. Er war nicht nur der Christus, der Messias, der Menschensohn, der Sohn Davids. Die Fülle seiner Wirklichkeit findet sich in Worten wie: Weg; Wahrheit, Leben, Tür, lebendiger Stein, Bruder, Anfang und Ende, Zimmermannssohn, Arzt, Fresser und Säufer, Prophet, König, Anführer der Dämonen, Richter, Weinstock, Kumpan der Sünder, Herr und Gott, Hirte, Lamm Gottes... Und nicht zuletzt heißt er „Geheimnis". Das ist er geblieben. Und jeder Name ist der neue Versuch, diesem Geheimnis näher zu kommen.

4. Gibt es für Dich einen Lieblingsnamen für Jesus? Welche Worte und Bilder sind Dir ans Herz gewachsen und prägen Deine Jesusbeziehung?


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