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Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.



Den Fußspuren Christi folgen

Wer auch nur oberflächlich die Heilige Schrift liest, stößt auf die Aufforderung Jesu: Folge mir nach. In der ersten Begegnung mit Simon Petrus und seinem Bruder Andreas forderte Jesus die beiden Brüder auf: "Kommt her, folgt mir nach" (Mt 4,19). Auch die Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes hören Jesu Ruf und folgen ihm (Mt 4,22).

Dem reichen jungen Mann zeigt er als Weg ins Leben: "Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach" (Mt 19,21). Immer wieder die Aufforderung: Folge mir, folgt mir nach. Auch beim Evangelisten Johannes zieht dieses Wort wie ein roter Faden durch das Evangelium, angefangen bei der ersten Begegnung mit Philippus, dem er sagt: "Folge mir nach" (Joh 1,43) bis zu seiner Auferstehung, wo er im Gespräch mit Petrus auch diesen auffordert: "Folge mir nach" (Joh 21,19).

Die Aufforderung wird noch deutlicher bei der Ankündigung seines Leidens: "Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig" (Mt 10,38).

Gewöhnlich denkt man bei der Nachfolge eines Schülers daran, dass er sich nach den Worten und den Schritten seines Meisters richtet. Doch im Evangelium geht es um mehr: Jesus, der Meister selber ruft und wählt die aus, welche er will. Bei seiner Nachfolge geht es nicht nur darum, Jesu Weisungen zu befolgen, sondern seiner Person zu folgen.. Dies schließt einen völligen Verzicht auf eigene Lebensentwürfe ein.


Nachfolge Christi

Es darf nicht verwundern, wenn das Thema von der Nachfolge Christi von den ersten Jahrhunderten an ein zentrales Thema des geistlichen Lebens war. Schon die ersten Mönche, wie Antonius von Ägypten setzen die Forderung Jesu um: "Geh, verkaufe deinen Besitz .... dann komm und folge mir nach" (Mt 19,21).

Im Mittelalter wurde die Nachfolge Christi ein übliches Thema der Predigt im Bereich der Mönche, der Kleriker und der Kanoniker. Ein Schlüsselsatz lautete: "Ich will nackt dem nackten Christus folgen." Je nach der eigenen Spiritualität entfaltete sich die Nachfolge Christi auf verschiedene Weise. Am Häufigsten legte man den Akzent auf ein Gemeinschaftsleben nach dem Beispiel wie die Apostel mit Christus zusammenlebten und ganz besonders wie die erste christliche Gemeinde nach dem Pfingstereignis ihr Leben gestaltete (Apg 4, 32-35). Die Nachfolge Christi wird zu einem Bemühen um die Nachahmung dieser Gemeinschaft. Die Apostel wurden immer als Modell für ein vollkommenes christliches Leben betrachtet. Wir sehen, wie in der Betrachtung eine Verschiebung geschieht: Die Nachfolge hat nicht mehr Christus im Blickpunkt, sondern die Apostel, die sich um Jesus gesammelt haben.

Die Regel des hl. Benedikt stellt sich vor als "eine Schule, in der man den Dienst des Herrn lernt" (Prolog, 45), in dem man seinen Lebensstil ändert (Conversio morum), die Liebe übt und das Leben in Gemeinschaft pflegt. Dieses Leben wird näher erläutert als das Leben der Apostel, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Von Jesus Christus ist keine Rede (Regel des hl. Benedikt 33,6; 36,1; 55,20).

Der hl. Petrus Damiani im 11. Jh. und die Schüler des hl. Norbert etwas später, beginnen einen neuen Lebensstil: Die Wanderpredigt, in der das Leben in Gemeinschaft und der Verzicht auf Besitz förderliche Bedingungen für das Geheimnis des Wortes sind. Man könnte das Leben der Kanoniker als eine Mischform sehen: Alles muss die Kontemplation fördern; diese aber muss in der Predigt zum Leuchten kommen.


Das Grundanliegen des Franziskus von Assisi

Der Blick auf die Zeit vor Franziskus war wichtig, um die Originalität zu erfassen, mit der Franziskus das Evangelium lebt. Für Franziskus geht es einzig und allein darum, in die Fußstapfen Jesu Christi zu treten. Ihm geht es also nicht in erster Linie um ein Leben in Gemeinschaft und auch nicht um die Predigt. In seinen Schriften nimmt Franziskus nie Bezug auf das Leben der Urgemeinde, wie es uns in der Apostelgeschichte 4,32 ff überliefert wird. Ihm geht es immer um die Christusnachfolge und um den persönlichen Verzicht auf Güter; ihn beschäftigt das Wort Jesu an den Einzelnen/die Einzelne: "Komm und folge mir nach".

Freilich haben das seine Brüder und erst recht manche Personen, die den Orden nur von außen kannten, nicht verstanden. So schreibt sein 1. Biograph, Thomas von Celano, im Hinblick auf sein Sterben: "20 Jahre, seitdem er aufs vollkommenste Christus anhing und dem Leben und den Spuren der Apostel folgte" (1 Cel 88).

Auch bei Julian von Speyer, bei Jakob von Vitry und in der Dreigefährtenlegende gibt es diese Hinweise auf das Leben der Apostel in der Urgemeinde.

Wenn man jedoch die Schriften des Franziskus liest, findet sich kein einziges Wort über die Apostel in der Urgemeinde. Ihm geht es nicht um die Nachfolge der Apostel, wie dies für die Mönche und Kanoniker der Fall war. Sein Blick ist immer auf Jesus Christus gerichtet und seine Formulierungen gehen immer in die gleiche Richtung, nämlich: "Christus folgen" oder "den Spuren unseres Herrn Jesus Christus folgen". Angesichts der geringen schriftstellerischen Tätigkeit des Franziskus überrascht es sicher, diese Formulierung 15 Mal bei ihm zu finden.

Austauschbar mit der Formulierung "den Spuren Christi folgen", ist die Formulierung "Leben nach dem Evangelium". Franziskus sieht im Evangelium vor allem die Person Jesu Christi.

Er will den "Spuren Christi folgen" (5 Mal); der Armut Christi folgen (3 Mal); der Demut Christi folgen (1 Mal); dem Leben Christi folgen (1 Mal); den Vorschriften Christi folgen (2 Mal); der Lehre Christi folgen (1 Mal); dem Willen Christi folgen (1 Mal); der Güte Christi folgen (1 Mal); dem Geist der Hl. Schrift folgen (1 Mal); dem guten Hirten folgen (1 Mal).

Es ist klar, dass Franziskus von diesem Wort fasziniert war; es erscheint ihm voller Dynamik und geheimnisvoll zugleich. Mit Nachahmung hat das nichts zu tun. Trotzdem wurde immer wieder behauptet, Franziskus sei der vollkommene Nachahmer Christi gewesen. Nachahmung Christi gehört weder zum Denken noch zur Sprache des Franziskus. Jemanden folgen heißt nicht, ihn sklavisch nachahmen. Es heißt vielmehr, hinter dem Meister hergehen, dieselbe Richtung wie er einschlagen und dasselbe Ziel erreichen. Es geht hier um eine mehr dynamische Aktion und um ein Unternehmen, das größere gestalterische Freiheit hat.

Franziskus wurde ein anderer Christus, ein echter Christenmensch. Er wurde in das Bild dessen verwandelt, den er verehrte, betrachtete und anbetete, in dessen Fußspuren er ging bis hin zu den Wundmalen.


Der Lebensnerv des Franziskus

Das Programm des Franziskus: "Den Spuren Christi zu folgen", hat seine Wurzel im 1. Petrusbrief (2,21). Dieser Brief hat Franziskus besonders stark beeinflusst. An 15 Stellen nimmt er Bezug auf dieses Schreiben.

Nur noch Kap. 17 des Johannesevangeliums spielt bei ihm eine solche Rolle.


Die zentrale Stelle im Petrusbrief lautet:

"Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt".

Aus der Fortsetzung des Textes wird klar: Es kann Situationen geben, in denen es Gott wohlgefällig ist, geduldig zu leiden ohne zu protestieren, weil Jesus Christus zuerst für uns zu Unrecht gelitten hat. Hier also ist die Spur für uns aufgezeigt. Es ist die Spur des Leidens und des Kreuzes, der Weg der Verleumdung und Erniedrigung, der Weg der Mörder und Räuber, der Weg, den der Unschuldigste aller Menschen durchschritten hat, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Dies ist der Weg der Rettung, den der Petrusbrief uns aufzeigt, den Franziskus mit Freude gehen will, weil der gekreuzigte und auferstandene Christus "zum Hirten und Bischof eurer Seelen" (1 Petr 2,25) wurde.


Christusnachfolge von der Krippe bis zur Auferstehung

Das Leiden Christi steht im Mittelpunkt der Berufung des Franziskus. Doch Thomas von Celano macht uns darauf aufmerksam, dass Franziskus nicht nur das Geheimnis des Leidens Christi betrachtet, sondern das ganze Christusgeheimnis in seinen verschiedensten Aspekten. "Vor allem war es die Demut der Menschwerdung Jesu und die durch sein Leiden bewiesene Liebe, die seine Gedanken derart beschäftigten, dass er kaum an etwas anderes denken wollte" (1 Cel 84).

Franziskus will mit Jesus in der Grotte von Bethlehem sein, aber auch auf den Straßen Galiläas. Immer geht es um die Nachfolge Christi. Franziskus folgt ihm Schritt für Schritt; "...denn das heiligste, geliebte Kind ist uns geschenkt und für uns geboren am Weg und in eine Krippe gelegt worden" (Offizium zum Weihnachtsfest) und "er ist arm gewesen und ein Fremdling und hat von Almosen gelebt..." (NbReg 9,5).

Es bleibt jedoch gültig: Immer wenn Franziskus den Ausdruck, "den Fußspuren Christi folgen" gebraucht, nimmt er Bezug auf das Leiden und das Kreuz Jesu.

Die Begegnung mit Christus auf dem La Verna ist zwar vordergründig eine Begegnung mit dem gekreuzigten Jesus, im tieferen Sinn aber eine Begegnung mit dem Auferstandenen und Erhöhten, der in Franziskus die Stigmata hinterlässt. Franziskus ist ganz ergriffen vom österlichen Geheimnis. A. Rozetter bemerkt, Franziskus sei schon vom Augenblick seiner Bekehrung an vom österlichen Geheimnis betroffen gewesen (betrachte den österlichen Aspekt der Christusikone von San Damiano). Dies könne man auch lesen aus seiner Antwort an die Räuber: "Ich bin der Herold des großen Königs".

Es bleibt dabei, sein Christus umfasst die Heilsgeheimnisse von der Menschwerdung bis zur Auferstehung.


Orte der Christusbegegnung und Christusnachfolge

Franziskus begegnet dem Herrn bei der Schriftbetrachtung. Beim Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift begegnet er Christus und seinem Wort. Hier lässt er sich formen und mit auf den Weg nehmen. "Im Anschauen deines Bildes werden wir verwandelt in dein Bild".

Für Franziskus ist der bevorzugte Ort der Christusbegegnung und –nachfolge die Feier der Eucharistie. In seinem Testament schreibt er, dass er in dieser Welt leiblicher Weise von dem höchsten Sohn Gottes nichts anderes sehen könne, als seinen heiligsten Leib und sein Blut. Die ganze erste Ermahnung, die vom Leib des Herrn handelt, ist nichts anderes als ein Kommentar zum Wort Jesu: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".

Ein weiterer wichtiger Ort der Begegnung mit Christus im Alltag sind die Armen bzw. alle Menschen am Rand. Dazu gehören die Rechtlosen, die Verachteten, die Unverstandenen, die Missverstandenen, die Missbrauchten, die Menschen, denen das Gefühl vermittelt wird, nicht dazu zu gehören, von denen auch nichts mehr erwartet wird. Für Franziskus sind sie das Antlitz des leidenden Christus. Wenn Franziskus diesen Menschen begegnet, heißt dies für ihn immer, sich dem ganzen Christus zu nähern, um, angetrieben vom hl. Geist, zum Vater zu gelangen.

Es ist oft gesagt worden, die franziskanische Spiritualität sei christozentrisch. Das ist richtig, kann aber auch missverstanden werden. Der franziskanische Mensch richtet tatsächlich sein Leben ganz auf Christus aus, aber er wird nicht unbeweglich in einer Intimität, die eingrenzt (mein Jesus und ich – ich und mein Jesus). Er sucht Christus als dynamisches Zentrum, das auf den himmlischen Vater und auf die Menschen verweist.

Die hl. Klara schreibt in ihrem Testament: "Der Sohn Gottes ist uns Weg geworden".

Und sie versichert weiter: Dies hat uns unser seliger Vater Franziskus, der wahre Liebhaber und Nachfolger Christi durch sein Wort und Beispiel aufgezeigt und gelehrt.


Für unser Gespräch:

Schaue Deine Einführung in den Orden des hl. Franziskus an und frage Dich, ging es in erster Linie um eine Einführung in konkrete Verhaltensformen, Regeln, Sitten und Gebräuche?

Ging es in erster Linie um die Befolgung von Geboten und Verboten, um Inkulturation in eine vorgegebene Lebensform?

Welche Rolle spielte die Person, die Lebensweise und das Wort Jesu bei dieser Einführung?

Ist in Deinen bisherigen fünf oder sieben oder zehn Ordensjahren eine persönliche Beziehung zu Christus gewachsen?

Welche Rolle spielt für Dich die Schriftlesung und wie liest Du die Hl. Schrift?

Gibt es ein oder mehrere Lieblingsworte Jesu für Dich? Sind sie Dir zum Weg geworden, d.h. prägen sie Dein Leben?

Für Franziskus stehen Krippe, Kreuz/Auferstehung und Altar (Eucharistie) im Mittelpunkt seiner Christusfrömmigkeit. Welcher Aspekt steht für Dich im Mittelpunkt Deiner Betrachtung?

Kennst Du Christusbegegnungen, die Dir über Begegnungen mit Menschen am Rand geschenkt wurden?



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