Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.
"Mag zu ihnen kommen Freund oder Feind, Dieb oder Räuber..." (NbReg7,14)
Unvoreingenommen sein
Jesu Wort und Beispiel im Umgang mit Sündern und Außenseitern
Die Botschaft von der rettenden Sünderliebe Gottes macht die Mitte der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu aus. Sie bildet auch die Grundlage des Handelns Jesu den Sündern in Israel gegenüber. Jesus begründet sein Verhalten als Heiland der Sünder mit dem Verhalten des Vater-Gottes, dem sündigen, zurückkehrenden Sohn gegenüber (Lk 15). Er macht deutlich, dass durch seine Person und sein Tun die Barmherzigkeit Gottes ausgeteilt und das Reich Gottes erfahrbar wird. Er steht an Gottes Stelle und handelt in dessen Vollmacht.
In der Parabel vom unbegreiflich guten Vater macht Jesus deutlich, dass jeder Sünder ein Bruder bleibt und dass sich deshalb keiner seiner Mitverantwortung entziehen kann.
Keiner ist ausgeschlossen
Wer ist Adressat der Botschaft Jesu? Jesus will alle Menschen ansprechen. Tatsächlich ist seine Herde bunt gemischt. "Die neue Bewegung dehnte sich und erfasste und riss mit sich und brachte zusammen aus jeglicher Gattung: apokalyptische Träumer und heißblütige Zeloten, zornmütige Zebedaiten und Stille im Lande, bloß Heilung Suchende und solche, die nach nichts hungerten und dürsteten, als nach der Gerechtigkeit, Leute des armen Volkes vom Land und strenge Gesetzesjünger, Halbproselyten und reinblütige Juden, Leute, die mit Jesu Namen nur zaubern wollten, und solche, die fragten, nach dem höchsten Gut, bußfertige Johannesjünger und Sünder und Zöllner, ehrbare Leute und weinende Sünderinnen..." (R. Otto).
Jesus antwortet mit der Parabel vom Unkraut im Weizen (Mt 13,24-30) und dem Gleichnis vom Fischnetz (Mt 13,47-50) auf die Einwände gegen seine Anhänger. Sie waren wirklich nicht die Schar der Vollkommenen und Gerechten.
"Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich über Jesus und sagten: ‚Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen'" (Lk 15,2). Man nennt Jesus einen "Freund der Zöllner und Sünder" (vgl. Mt 11,19). Die Pharisäer wie auch die Glieder der Gemeinschaft von Qumran dagegen waren bestrebt, nur Gerechte im Sinne der Gesetzesbeobachtung und nur Gesunde in ihre Reihen aufzunehmen und sich energisch von den Sündern abzusetzen. Jesus weiß sich gesandt, allen das Heil anzubieten, auch den Sündern. Darum fordert er auf, Geduld zu haben und die Sache des Gerichtes Gott anheim zu stellen.
Erst das Endgericht wird die endgültige Scheidung der Geister und die Ausrottung des Bösen bringen. Jesus geht es um das rechte Zusammenwirken von göttlicher Barmherzigkeit, menschlicher Verantwortung und dem Vertrauen in Gottes Führung. Erst im Endgericht wird sich zeigen, wer wirklich zum Reich Gottes gehört. Niemand darf die Zeit der Bewährung abkürzen oder sich eine Verurteilung anmaßen.
Herzlosigkeit führt zum Gericht
In der Gleichniserzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lk 16,19-31) zeigt Jesus, dass es eine Strafe für Gleichgültigkeit und Unbarmherzigkeit dem Armen gegenüber gibt. Dieser schließt sich selber aus.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) macht Jesus klar, dass das Herz des Menschen und sein Mitgefühl mit den Mitmenschen über Heil und Unheil entscheiden. Der Nächste ist jeder Mensch in Not, der uns begegnet. Er ist Anfrage, ja Herausforderung. Liebe übergreift bei Jesus alle Grenzen von Rasse, Kultur, Klasse und Religion.
Für die Barmherzigkeit durchlässig sein
Jesus hat die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters erfahrbar gemacht. Deswegen gilt im Reich Gottes eine neue Wirklichkeit: "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Lk 6,36). Alle Menschen dürfen als begnadete Sünder aus Gottes Barmherzigkeit leben. Daher müssen sie auch in ihrem Verhalten zu ihren Mitmenschen Güte und Erbarmen walten und Gnade vor Recht ergehen lassen. "Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?" (Mt 18,33).
Für den Jünger Jesu ist dieser Maßstab verpflichtend. Wer nicht durchlässig für die all umfassenden Barmherzigkeit Gottes ist, wird schuldig an Gottes Erbarmen und fällt damit dem Maßstab selbstsicherer Gerechtigkeit anheim. Vor diesem Maßstab kann er niemals bestehen.
Verwirklichung durch Franziskus
Umkehr als Hinführung zu den Randexistenzen
Franziskus formuliert die große Wende seines Lebens zu Beginn seines Testamentes: "So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt" (Test 1-3).
Franziskus führt den Beginn seines neuen Lebens auf das Eingreifen Gottes zurück. Das Entscheidende an seinem neuen Leben ist sein Erbarmen und liebevolles Mitleiden mit den Aussätzigen. An die Stelle des früheren Abscheus tritt nun die Liebe zu den Aussätzigen. Er ist sich bewusst, dass dies auf ein Eingreifen Gottes zurückzuführen ist. Die Aussätzigen nennt er nun "meine Brüder in Christus" (Spec58).
R. Manselli sagt: "Das zentrale Moment der Bekehrung des Franziskus ist nicht die Armut, sondern – menschlich viel tiefer und wertvoller – die Erfahrung des gemeinsamen menschlichen Leidens an Seele (Aussatz der Seele) und Leib. Entscheidender Punkt der Bekehrung des Franziskus ist also der Übergang von einer menschlichen Seinsweise zu einer andern, das Akzeptieren der eigenen Zugehörigkeit zu einer Randgruppe. Er zählt sich zu den Ausgeschlossenen, die doch von allen wegen ihres ekelhaften Zustandes zurückgewiesen wurden."
Die "Süßigkeit" eines Lebens unter Randexistenzen
Die Dreigefährtenlegende sagt, Franziskus habe sich in der Begegnung mit dem Aussätzigen "Gewalt" angetan. Er sei vom Pferd gestiegen, habe dem Aussätzigen ein Geldstück gegeben und ihm dabei die Hand geküsst. Nachdem er seinerseits vom Aussätzigen den Friedensgruß empfangen hatte, bestieg er wieder sein Pferd und ritt weiter (3Gef11). Die Erfahrung, die er dabei macht, umschreibt er mit "Süßigkeit der Seele und des Leibes". Offensichtlich konnte er eine ganzheitliche Stimmigkeit geglückten Daseins und geistlich-leibhaftige Erfüllung erfahren. Er spürt etwas von dem Frieden, der dem geschenkt wird, der seine Bestimmung lebt. Das, was er vorher als bitter empfand und seinen Ekel erregte, ist in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.
Franziskus ist von nun an unter den Aussätzigen und Armen. Seine Liebe zu ihnen und seine Hilfsbereitschaft für sie, ferner sein Wunsch, wie sie zu sein und bei ihnen zu weilen, gründet einerseits in seiner spontanen und grenzenlosen Großzügigkeit. Andererseits ist es ein Mitleid, das er empfand für alle, die an den Rand der Gesellschaft gestoßen waren und getrennt von den anderen lebten.
'Letzter und tiefster Grund ist seine Liebe zum Herrn, der sich kreuzigen ließ. Der Gekreuzigte half ihm, die Gekreuzigten/Aussätzigen zu entdecken und zu lieben. Franziskus war überzeugt, in den Aussätzigen und Armen Jesus selber zu begegnen und zu lieben. "Wer einen Armen schmäht, beleidigt Christus, dessen edles Abzeichen jener trägt; denn er hat sich um unsretwillen arm gemacht in dieser Welt" (1Cel 76).
Anfangs waren besonders die Aussätzigen die Geschwister des Franziskus. Doch schon bald erweiterte sich dieser Kreis um alle am Rande. Dazu gehörten die Rechtlosen, die Verachteten, die Unverstandenen, die Missverstandenen, die Missbrauchten, die Armen. Es sind die Menschen, denen das Gefühl vermittelt wird, nicht dazu zu gehören, weniger gehört zu werden, von denen nichts mehr erwartet wird, die überfordert werden, die ihrer Ehre beraubt sind und die auch nichts mehr haben. Franziskus will nicht nur für diese Menschen leben, auch nicht nur mit ihnen, sondern leben wie sie. Celano sagt: "Der Vater der Armen, der arme Franziskus, der sich allen Armen gleichförmig machte..." (1Cel 76).
Die gleiche Solidarität erwartet er auch von seinen Brüdern. "Und sie müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Wege."(NbReg 9).
Franziskus findet zur compassío, zum Mitleiden. Er leidet mit den Leidenden, nimmt Teil am Schmerz der anderen, ist so betroffen und beteiligt, dass das Leid der anderen zum eigenen wird. Es sind nun die Schwachen, Zerbrechlichen, Leidenden, Kleinen, welche seine Zärtlichkeit und besondere Zuwendung hervorrufen. Mit ihnen weiß er sich solidarisch. Ihren Standpunkt will er einnehmen und vertreten. Bei ihren Sorgen und Kämpfen will er dabei sein.
Christlicher Umgang mit Randgruppen
Die Antwort des Franziskus auf den dienenden Herrn ist dienender Umgang mit den Menschen.
Herzlicher Umgang als Antwort an den herzlichen Herrn
Wie bei Franziskus gilt es, nicht nur im Freundeskreis, sondern in allen Beziehungen herzlich zu sein. Jeder Christ muss herabsteigen vom hohen Ross, um dem Mitmenschen auf der gleichen Ebene begegnen zu können. Gesellschaftliche Vorurteile und alles, was sich hinderlich und trennend zwischen Menschen schieben könnte, hat bei franziskanisch-orientierten Menschen keinen Platz mehr. Der zärtliche Blick, das gute verstehende Wort, die helfende, einfühlende Geste, die Umarmung, die konkrete Beziehung, die leibhaftige Zuwendung sind Ausdrucksformen franziskanischer Herzlichkeit. Sie verwirklicht sich nicht im Reden darüber, sondern im konkreten Vollzug (vgl. 1Cel 38).
Liebe beginnt mit der Herstellung der Gerechtigkeit
Das Verhalten des Franziskus den Räubern gegenüber zeigt, dass Liebe damit beginnt, Gerechtigkeit herzustellen. Es ist völlig verfehlt, vom Überfluss aus über Liebe zu reden, wenn der Gesprächspartner hungern muss. Zuerst müssen beide zu essen haben. Bei den Schritten der Umkehr gibt es keinen Druck, erst recht keine Überforderung. Echte Anteilnahme fordert nichts vom andern, das er nicht leisten kann oder ihn überfordern würde. Sie hat ein Gespür dafür, welcher Schritt als nächster erfolgen muss, lässt dem Anderen Zeit und kann in Geduld warten.
Wir werden lernen und üben müssen, auf Randexistenzen zuzugehen, unvoreingenommen, ohne Berechnung, ohne Rücksicht auf Bezahlung und Zeit, aber auch geprägt von dem Wissen um die eigene Gefährdung. Zu diesem Lernprozess gehört auch die Bereitschaft, den Menschen nicht die eigene Methode der Hilfe aufzuzwingen und die Gewährung der Freiheit, selbst entscheiden zu können, ob der andere die Hilfe annehmen will oder nicht. Es gilt, da zu sein und zu helfen, ohne auf den eigenen Vorteil oder auf Anerkennung zu schauen. Es ist eine Hilfe, damit der andere sich selbst helfen kann.
Wir sollten uns das Bewusstsein schenken lassen, als Menschen nicht mehr zu sein, nicht weniger bedürftig zu sein, als der Bruder oder die Schwester am Rand. Das führt uns zum befreienden Neben- und Miteinander. Alle sollen "mindere Brüder" heißen. Dienst, Begleitung, Begegnung, Unvoreingenommensein, sind franziskanische Schlüsselworte.
Liebe sieht tiefer und mehr
Von Franziskus können wir uns eine neue Sicht jedes Menschen lehren lassen. Sie bleibt nicht an der äußeren Fassade hängen, sondern sieht tiefer und entdeckt das, was im Grunde des Herzens schlummert. Häufig ist der gute, göttliche Kern im Menschen zugeschüttet und verunstaltet. In jedem Menschen gibt es diesen guten Kern. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, Annahme, Geborgenheit, Gemeinschaft, nach Gott. Franziskanische Strategie sucht durch Vorsicht, Verständnis, Fingerspitzengefühl, mütterliche und geschwisterliche Art, diesen Funken zu aktivieren. Dabei darf es kein schematisches Vorgehen geben, bei dem man alles Gute auf der einen Seite sieht und alles Böse auf der anderen.
Mag ein Mensch noch so verunstaltet sein, der göttliche Kern in ihm kann durch keine Sünde vernichtet werden. Es gibt keinen hoffnungslosen Fall. Wer auf die verborgenen, aber gebundenen guten Kräfte im Menschen setzt, kann mit großer Achtung und Wertschätzung jedem Menschen begegnen und ihn als Bruder oder Schwester sehen.
Befreien durch Güte, heilen durch liebende Begleitung – das ist der Weg des Evangeliums, den Franziskus gefunden hat und gegangen ist.
Hilfreich können folgende Fragen sein:
1. Was löst der Anblick von Randgruppen und Armen bei mir aus (Rechtlose, Anhängige, seelisch Verwundete, Verachtete, Schmutzige, Bettler)?
2. Bin ich ihnen gegenüber gehemmt oder distanziert oder höflich und liebenswürdig?
3. "Sie müssen zufrieden sein, wenn sie mit einfachen Leuten, mit den Armen und Schwachen, den Kranken, Aussätzigen und den Bettlern am Weg verkehren". Welche sind meine Bezugspersonen? Sind es mehr die oberen Zehntausend oder Leute aus der Mittelschicht oder Leute von unten? Habe ich aus allen Bereichen Bezugspersonen?
4. Gibt es für mich hoffnungslose Fälle? Habe ich gewisse Leute einfach abgeschrieben? Oder setze ich mein Vertrauen auf die verborgenen Energien des Lichtes in jedem menschlichen Herzen und suche sie durch Bejahung und Zuwendung freizusetzen?
5. Gehe ich auf die anderen zu: Unvoreingenommen, ohne Berechnung, ohne Rücksicht zu nehmen darauf, ob etwas dabei für mich herausspringt? Erfährt der andere durch mich Bejahung? Schaffe ich einen Raum für ihn in der Begegnung so, dass er Selbstwertgefühle entwickeln kann?
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