Franziskaner-Minoriten
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Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.



"Immer unsere heilige Herrin Armut lieben und beobachten"
(Test Sien 2)

1. Das Beispiel Jesu Christi: Er selber ist arm und wendet sich den Armen besonders zu

Jesus beginnt die Bergpredigt mit dem Ruf: "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3).
Jesus preist hier die Armen, nicht die Armut als solche, selig. Er kann diese Menschen selig preisen, nicht, weil sie arm sind, sondern weil gerade zu ihnen das Himmelreich kommt. Armut als solche wird auch im Evangelium nicht idealisiert. Sie ist ein Übel. Nach Lukas stellt sich Jesus in seiner Heimat mit einem Text aus Jesaja vor: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe..." Er selbst begann ihnen dazulegen: "Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt" (Lk 4,21). Jesus stellt sich vor als Messias, als Bringer des Heiles, als Gott der Armen. "Die Zuwendung zu den Armen ist sein Erkennungszeichen." (A. Böckmann)

Jesus wendet sich konsequent den Armen, den Zu-kurz-gekommenen, den Randexistenzen und –gruppen, den Kleinen und Schwachen zu. Konkret sind es die Kinder, die Kranken, die Frauen, die Sünder. Es gilt festzuhalten: Jesus ist auf der Seite dieser unglücklichen Menschen.
Das ist nicht zufällig. Denn er äußert sich auch konkret gegen den Reichtum: "Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten" (Lk 6,24). Dasselbe gilt für den Reichen, der in Scheunen sammelt (Lk 12,20) und den reichen Prasser (Lk 16,19-31). Damit wird unsere gängige Wertskala außer Kraft gesetzt. Jesus Christus, mit dessen Kommen das Reich Gottes und seine Maßstäbe in diese Welt kommen, hat eine andere Wertordnung. Jetzt gilt, was Maria im Magnifikat sagt: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen; die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehn" (Lk 1,52-53).
Die Letzten, nämlich die Kinder, Kranken, Frauen, Schwachen, Nichtwissenden, Unterdrückten, Unfreien sind nun die Ersten und werden die Ersten sein, und die bisher Ersten, nämlich die Reichen, Erwachsenen, Gelehrten, Mächtigen werden die Letzten sein.
Der beste Beweis dafür ist Jesus selbst. Er erscheint in Armut. "Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen" (2 Kor 8,9). Paulus sieht die Armut Jesu nicht nur als eine materielle. Sie ist umfassend; sie kennzeichnet die ganze Art und Weise, in der Jesus sein Erlösungs- und Befreiungswerk vollbracht hat.
Jesus teilt das Heil, seinen Reichtum, nicht von oben nach unten aus. Er geht nach unten. Sein erster Schritt nach unten, in Richtung Armut, ist es, ein Mensch zu werden. Er nimmt die Armut des Menschseins an. Der zweite Schritt ist die arme Lebensform¸ der dritte die Armut des Sterbens.
Eine weitere zentrale Aussage über diesen Weg der Armut Jesu findet sich im Philipperbrief (2,6-11): "Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz". Jesus wird Mensch und verzichtet auf alle seiner Gottheit zustehenden Ehrenbezeichnungen. Seine Menschwerdung ist so radikal, dass sie die Angewiesenheit des Kindes bis zur schmählichen Todesart einschließt. Näher betrachtet heißt das: Er, das Kind in der Krippe, ist angewiesen auf Liebe und Zuneigung. Er ist gefährdet, leidet an Hunger und Kälte. In seinem kleinen, unterjochten Volk gehört er zu den einfachen Leuten, während seiner Jahre in Nazareth lebt er die Gewöhnlichkeit und Einfachheit des normalen Lebens, den unscheinbaren und unauffälligen Stil, und pflegt das übliche Arbeitsleben.

Während der kurzen öffentlichen Tätigkeit nimmt er freiwillig das harte Schicksal eines Wanderpredigers auf sich, lässt sich jedoch auch einladen und verachtet es nicht, dass ihm Frauen mit ihrem Vermögen dienen (Lk 8,5). Er will sich auch nicht den "Reichtum" der Armut aneignen. Seine Art ist gekennzeichnet von Gelassenheit und Sorglosigkeit. Ihren Höhepunkt findet diese existentielle Armut Jesu am Kreuz. Er hilft sich nicht selbst. Angesichts des bevorstehenden Todes steigt Jesus nicht aus der Verschwisterung mit uns armen Menschen aus, sondern steht dazu bis zum bitteren Ende.

Jesu Motiv für diesen Weg nach unten ist seine große Liebe. "Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat..." (2 Kor 8,9).


2. Die Verwirklichung der Armut durch Franziskus

Zur Zeit des Franziskus gab es eine breite häretische Bewegung, deren Predigt erfolgreich war. Ihre Methode war weit verbreitet und stabil. Der häretische Prediger deckte die sittliche Schwäche, die Verdorbenheit, den Reichtum und die Macht des Klerus auf und stellte dem die eigene strenge Lebensweise gegenüber. Sie war gekennzeichnet vom Fasten und der strengen Einhaltung der Keuschheit. Als Maßstab für alle wurde das arme Leben Jesu aufgezeigt, das in dieser Welt im Stall begann und am Kreuz endete. Die Frage "Wer ist diesem armen, gekreuzigten Jesus näher?", lag auf der Hand. Die Häretiker erschienen als die wirklichen Nachfolger Jesu. Sie wirkten wie die Boten des Weges der Erlösung.
Auch Franziskus predigt die Armut und lebt sie. Die tiefere Begründung für seine Armut liegt jedoch in seinen Begegnungen mit Jesus in der Gestalt des Aussätzigen, des armen Krippenkindes in Greccio und des Kreuzbildes in San Damiano. Die Dreigefährtenlegende sagt, "dass er Christus den Gekreuzigten, der zu ihm gesprochen, wahrhaft in seinem Herzen fühlte" (3 Gef 13). Er richtet sich von da an ganz auf den gekreuzigten Christus aus.
"Und er ist arm gewesen und ein Fremdling und hat von Almosen gelebt" (NbReg9,5). "Alle Brüder sollen bestrebt sein, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus Christus nachzufolgen" (NbReg 9,1). Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: "Ich, der ganz kleine Bruder Franziskus, will dem Leben und der Armut unseres höchsten Herrn Jesus und seiner heiligen Mutter nachfolgen und in ihr bis zum äußersten verharren" (VermKlara1).

Armut ist für Franziskus eine Form der Liebe zu Jesus, die die Liebe zu den Armen einschließt und noch übersteigt. Jesus ist für Franziskus der tiefste und unwandelbare Grund, weil er in seinem Leben, Sterben und Auferstehen geliebt hat bis zum äußersten. Ihn liebt der arme Franziskus als Haupt und in seinen Gliedern. Franziskus will Anteil haben an dem Grundgeheimnis seiner Existenz: seiner Entäußerung bis ans Kreuz und auch an seiner Erhöhung. Es gilt "sich nackt in die Arme des Gekreuzigten zu werfen" (Bonaventura, Leg maior VII,2).
Für Franziskus bedeutet arm sein also mehr als materielle Armut. "Arm sein, das heißt im letzten für ihn leer sein, ausgeräumt sein im Sinne der Kenosis des hl. Paulus, also im Sinne der Entäußerung, des Ausgeräumtseins von allem, was nicht Gott ist und nichts mit Gott zu tun hat. Arm sein bedeutete ihm darum, wenn wir es einmal passiv sagen wollen, das Freisein des Menschen von allen Bindungen und Verhaftetheiten an das eigene Wollen: das Freisein des Menschen von aller Anhänglichkeit, von allem Kleben an den Dingen dieser Welt; das Freisein des Menschen von allen Bindungen und Hemmungen, die von anderen Menschen her sich zwischen ihn und Gott stellen können. Arm sein bedeutet also frei sein für Gott. Im Armsein gibt sich der Mensch ganz Gott hin¸ stellt sich Gott ganz und ohne Vorbehalt zur Verfügung. Gerade diese Armut sieht Franziskus im gekreuzigten Gottmenschen am reinsten und klarsten verwirklicht; im gekreuzigten Herrn ,der sich von allem entäußert, der sich ganz Gott zum Opfer gegeben, der – wie Franziskus es einmal sagt – "nichts von sich für sich selbst festhält" (K. Eßer).


Konkretisierungen

Dieses Armsein hat Folgen für das Verhältnis des Menschen zu den Dingen dieser Welt, zu den Menschen selbst und zu Gott. Franziskus macht hierzu grundsätzliche Aussagen. Ein Schlüsselwort ist hierbei das Wort "Eigentum", sich etwas aneignen" (NbReg 7,13; 17,4; Erm 2,3). Franziskus will für sich und seine Brüder nichts als eigen haben, weder ein Haus, noch einen Ort, noch ein Amt, noch einen Menschen, noch den eigenen Willen. Auf nichts will er einen Anspruch erheben, weil er weiß und Zeugnis davon geben will, dass Gott Herr über alle und alles ist. Dies führt zur Verherrlichung Gottes: Gott ist der Herr.
Wer diese Haltung des Loslassens und Verzichtens einübt, wirkt dem jedem Menschen innewohnenden Drang des "Sich-etwas-zum-Eigentum-machen" dem Besitzstreben entgegen. Der Mensch möchte aus diesem Trieb heraus in selbstherrlicher Eigenmacht über sich, über die Dinge und die Menschen verfügen.
Dabei ist alles Gabe und Gnade Gottes. Deshalb ließ Franziskus nur solche, die sich ihres Besitzes ganz enteignet hatten und gar nichts mehr zurückhielten, zum Orden zu (II Cel 80).
Alles Besitzen, das nicht Gott als den eigentlichen Besitzer sieht, führt zur Sünde. Denn in seinen falschen Eigentumsansprüchen widersetzt sich der Mensch den Herrschaftsansprüchen Gottes. Er wird zum Rivalen Gottes, er wird „Räuber seines Schatzes" (2 Cel 99). Es ist andererseits für Franziskus selbstverständlich, dass die Brüder die Dinge, die zur Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgabe geeignet und notwendig sind, haben dürfen. Kleidung; Breviere, Bücher, Handwerkszeug, Wohnung, Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens. Sie müssen jedoch zum Armutsstil passen.
Franziskus möchte die ganze Armut Jesu in seinem Leben nachvollziehen, um in sich vorbehaltlos Raum zu schaffen für Gott und erfüllt zu werden mit der ganzen Fülle Gottes. Gott kann nur dort ankommen und Wohnung nehmen, wo der Mensch innerlich und äußerlich frei geworden ist, wo Freiraum entstanden ist aufgrund des Loslassens all dessen, was nicht ganz und gar zu Gott passt. Alles jedoch, was einem Leben mit ihm und für ihn angemessen ist, hat seine volle Berechtigung und bekommt seinen Platz im Leben des wahrhaft Armen.
Es fällt auf, welch positives Verhältnis Franziskus zu den Dingen der Welt hat. Auf den ersten Blick kann dies überraschen Er hat ein geschwisterliches Verhältnis zu den Dingen, nicht trotz seiner Armut, sondern wegen seiner Armut. Die Armut macht ihn zum befreiten und befreienden Menschen. Die Dinge werden aufgewertet, weil sie ihren wahren Platz in ihrer Beziehung zum lebendigen, alles überragenden Gott gefunden haben.


Offenheit für Gott

Armut hat immer als Kern eine Lücke, eine Leere, die nach Hilfe, nach Auffüllung, letztlich nach Gott ruft. Umgekehrt gilt: Je mehr jemand sein Nest auspolstert, je besser die Arbeit funktioniert, je gesicherter die Arbeit scheint, umso leichter verbaut er sich den Blick für Gott. Gott kommt dann nicht mehr vor; man braucht ihn nicht.
Der Arme dagegen ist ungesichert, er ist machtlos, ohne Einfluss, unbedeutend. Er kann nicht auf eigene Kraft und Größe bauen, sondern ist restlos angewiesen auf die Güte des anderen. Das öffnet ihn aber auch für Gottes Hilfe. Gottes Liebe und Macht sind Grund der Zuversicht des Armen. So wird der Arme zum Glaubenden. Denn glauben heißt, seine Armut eingestehen. Das hebräische Wort für Glauben bedeutet: sich von einem anderen tragen lassen, sich auf einen anderen stützen, sein Vertrauen auf einen anderen setzen. Der Arme wie der Glaubende leben vom Geschenk. Der Arme weiß, dass er nichts hat, was er nicht von Gott empfangen hat. Deshalb fällt die Gottoffenheit dem Armen weniger schwer als den Reichen.
Es gilt, sich alles schenken zu lassen. Franziskus war auch hierin durchdrungen von der Wahrheit des Evangeliums: Unnütze Knechte sind wir. Alle Pläne, alle Arbeitskraft, alle Erfolge, alles Lob sind Geschenk Gottes.
Diese Armut führt Franziskus und seine Brüder zu einer ungeheuren Flexibilität. Sie sehen sich als Pilger und Fremdlinge in dieser Welt. Damit gaben die Franziskaner eine Antwort auf das Sicherheitsdenken des Klerus, der viel haben wollte und in der Folge starr wurde. Er wollte sich nicht mehr stören oder in Frage stellen lassen. Für Franziskus wachsen aus dem Bewusstsein des Beschenktseins und der eigenen Grenzen Demut, Geduld und Dankbarkeit. Er nennt die Demut eine Schwester der Armut, Der Geduldige kann warten. Dankbarkeit ist ein Kriterium echter Armut.
Franziskus dankt für Jesus Christus, den Bringer des Heiles und selbst für die kleinsten Dinge der Schöpfung und des Alltags. Er will aus seiner Liebe zum armen Jesus auf alle Sicherungen verzichten, die sein Leben bis zum Zeitpunkt seiner Umkehr hatte. In der Ungesichertheit, im Abhängigsein, im Ausgeliefertsein an die Güte Gottes und der Menschen kommt sein neues Leben zum Ausdruck. Er will keine Vorräte sammeln, will auf keine Leistungen pochen. Er hält eine Lücke offen. Das Bild, das Franziskus von Gott hat, sagt ihm: Ich habe einen Vater, der für mich in allen Belangen sorgt. Ihm darf ich vertrauen. Er wird mir geben, was ich jeweils brauche. Ein ängstliches Sorgen wäre Störung dieses Kind-Vater-Verhältnisses.
"Sein Reichtum ist die Armut, seine Weisheit das Ungebildetsein, seine Macht die Ohnmacht, sein Friede die Wehrlosigkeit, sein Heil das Kreuz" (A. Böckmann).
Wie Paulus, leben die Brüder von ihrer Hände Arbeit. Die Frohbotschaft soll glaubwürdig verkündet werden. Das Heil, das die Brüder verkünden, ist Geschenk. "Und die Brüder, die arbeiten können, sollen arbeiten und das Handwerk ausüben, das sie verstehen, wenn es nicht gegen das Heil der Seele ist... Und für die Arbeit können sie alles Notwendige annehmen außer Geld. Und wenn es notwendig würde, mögen sie um Almosen gehen wie andere Arme" (NbReg 7,3-8).


Das Ringen um den Schutz eines Lebens in Armut

Franziskus ist bemüht, dieses Leben der Ungesichertheit und des Vertrauens zu schützen. Ungesichert blieb damals das Leben eines Menschen, wenn er auf den Gebrauch des Geldes verzichtete. Darum vermied es Franziskus ganz konsequent, irgendwie Geld anzunehmen oder zu gebrauchen. Denn dieses Geld brachte Sicherheit, Geborgenheit vor den Zufälligkeiten des täglichen Daseins. Wer Geld hatte, dem konnte nichts mangeln. Irdische und geistige Güter waren ihm zugänglich. Darum zerbrach Franziskus grundsätzlich diese Sicherung.

Wirklich ungesichert bleibt ein Leben auch dann, wenn der Mensch auf alle Ansprüche und Rechte verzichtet. Franziskus will an niemand eine Forderung stellen, nicht einmal die auf den Lebensunterhalt, der ihm als Lohn für seiner Hände Arbeit gegeben werden müsste.
Noch in seinem Testament fordert er: "Und wenn uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben werden sollte, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und von Tür zu Tür um Almosen bitten" (Test22). Im Testament steht auch das Verbot, sich irgendeinen Schutzbrief bei der römischen Kurie zu erbitten, weil auch das ein Sicherungsmittel wäre.
Die äußere Ungesichertheit reicht nicht, die innere muss dazukommen. Denn selbst die Armut kann zum Besitz werden, zu etwas, worauf der Mensch stolz ist, das ihn hochmütig macht, worauf er sich etwas einbildet. Aus nichts darf der Arme sich einen Besitz und damit eine Sicherung des Lebens machen, weder aus Wissen und Wissenschaft, noch aus einem Amt oder einer leitenden Stellung. Der wahrhaft Arme weiß, dass er auf nichts einen Anspruch hat. Er muss alles als Gabe Gottes sehen und jederzeit bereit sein, es wieder herzugeben. Nicht arm im Geiste ist, wer nur Schätze sammelt – Gebet, Offizium, Abstinenzen, Kasteiungen – aber nicht auf sich, auf das liebe „Ich" verzichten kann. Nicht arm im Geiste sind, "die an einem einzigen Wort, das ihrem lieben "Ich" unrecht zu tun scheint, oder wegen einer beliebigen Sache, die man ihnen fortnimmt, Anstoß nehmen und darüber sofort in Aufregung geraten" (Erm 14,3). Wer das tut, der hängt an den Dingen. Arm sein heißt, sich von allem freimachen, worauf der Mensch innerlich stolz sein könnte. Ein solcher Stolz wäre Besitz, wäre Reichtum. Von daher ist es klar, dass Franziskus die Demut die schützende Schwester der Armut nennt. Armut und Demut garantieren erst das echte Ideal der höchsten Armut, das Mindersein, die Minoritas, wie Franziskus diese Haltung nenne. Noch einen letzten Grad der Ungesichertheit fordert Franziskus von jedem, der ganz arm sein will: er muss auch Gott gegenüber arm bzw. ungesichert sein wollen. Gerade der religiöse Mensch kommt leicht dazu, sich Gott, dem Unbegreiflichen, dem Unfassbaren, dem für Menschen Unberechenbaren gegenüber absichern zu wollen. Gegen eine solche Haltung wehrt sich Franziskus mit aller Leidenschaft. Selbst aus dem Guten, das der Mensch tut, soll und darf er keinen Anspruch erheb en vor Gott. Er soll und darf daraus kein Recht ableiten. Der Arme hat keine Verdienste, keine guten Werke, auf die er vor Gott pocht. Alles ist Geschenk Gottes. "Und wenn sie alle Aufträge erfüllt hatten, erachteten sie sich dennoch als unnützige Knechte" (1 Cel 30).
Äußere Armut muss Bild, muss Widerschein der inneren Armut sein. Wo die innere Armut vor Gott fehlt, dieses restlose Ausgeliefertsein des Menschen an Gott, an seine Liebe und sein Erbarmen, ohne irgendeine Sicherung, da ist die äußere Armut kein Widerschein, kein sichtbares Bild der inneren Haltung, sondern wird leicht zum Zerrbild, zum Fanatismus, zum Pharisäertum, zur Selbstgerechtigkeit und damit im tiefsten unchristlich.



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