Franziskaner-Minoriten
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Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.



Nur mit der Kirche

Sicher überschreitet es die Vorstellungskraft vieler, die Kirche als eine Einrichtung zu sehen, die Schutz und Hilfe bietet. Das war die Sicht des Franziskus. Viele Menschen sehen die Kirche heute eher als ein "Gegenüber", eine Institution, die Forderungen stellt, Leben einengt und Wege verbaut. Man kritisiert sie als autoritär, als weltfern und sagt: "Viele Worte, wenig Taten".


Ein Traum

Thomas von Celano, der Biograph des Franziskus berichtet: Franziskus habe eines Nachts eine kleine schwarze Henne gesehen. Sie habe zwischen ihren mit Federn besetzten Beinen zahllose Küchlein gehabt, die sie aber nicht alle zusammenhalten und unter ihren Flügeln bergen konnte. Da habe er sich gesagt, die kleine schwarze Henne bin ich. Die Küchlein, das sind meine vielen Brüder, die ich nicht verteidigen und schützen kann. "Ich will mich daher aufmachen und sie der heiligen Römischen Kirche empfehlen, durch deren machtvolles Zepter die Bösewichte zerschmettert werden, die Kinder Gottes aber volle Freiheit genießen, Schätze ewigen Heils zu häufen. …Unter ihrem Schutz wird sich nichts Böses in den Orden einschleichen…." (2 Cel 24).


Die Kirche im Zerfall

Dieser Glaube des Franziskus und die konkreten Konsequenzen, die er zog, sind sehr überraschend und wirken unlogisch. Die Kirche zur Zeit des Franziskus war in einem armseligen Zustand. Der Papst und die Bischöfe waren um ihre politische und wirtschaftliche Macht mehr besorgt, als um ihren apostolischen Auftrag. Es gab kaum Amtsträger, die das Evangelium zum Maß und zur Richtschnur für ihre Lebensführung machten. Die Ämter der Kirche waren verweltlicht, der Klerus schlecht ausgebildet, das Volk seelsorglich stark hilfs- und führungslos. Die alten Orden hatten schon wieder viel von ihrem reformatorischen Geist, der in Cluny aufgebrochen war, verloren. Die Kirche, vor allem das gläubige Volk dürstete gewissermaßen nach Reform und geistlichem Aufbruch. Es gab geistliche Bewegungen unter den Laien, die das Evangelium, die Armut, das Leben in Gemeinschaft und die Wanderpredigt neu entdeckten. Doch diese Bewegungen wie die Albigenser, Waldenser, Katharer verstrickten sich in antikirchliche Haltungen und lehnten die verweltlichte Kirche mit ihren Bischöfen und dem Papst ab. Sie sahen sich als „wahre Kirche". Viele Zeitgenossen des Franziskus haben im Namen des Evangeliums und selbst im Namen Jesu Christi die Römische Kirche verlassen, weil sie in ihr nicht mehr den Willen Gottes verwirklicht sahen.


Die Frage nach Würdigkeit und Gültigkeit

Schon im 11. Jahrhundert hatte man wegen der schweren Verfehlungen der Kirchenmänner gerade unter den Frommen diskutiert, ob Sakramente gültig seien, die von sündigen Priestern gespendet wurden. Besonders heiß stritt man über die Gültigkeit der eucharistischen Wandlung. Im Lauf der Zeit setzte sich die Lehre durch, dass die Wirkkraft des Sakramentes gänzlich unabhängig ist von der Verfassung des Spenders, d.h. ob er in der Freundschaft mit Christus lebt oder in der Sünde.

Die Christen glaubten gewöhnlich, die von sündigen Priestern gespendeten Sakramente seien zwar gültig, aber man ging diesen Priestern aus dem Weg. Diese Abwendung von den Priestern sollte wie die Strafe und das sichtbare Zeichen ihrer Schuld sein.


Stell mein Haus wieder her

Wie konnte es dem Franziskus gelingen, die geistlichen Aufbrüche seiner Zeit für die Kirche fruchtbar zu machen? Warum band er sich so eng an diese konkrete, heruntergekommene, entstellte Kirche? Das entscheidende Erlebnis hatte er vor der Christusikone von San Damiano. Er hörte und spürte vom Christusbild her den Auftrag: "Franziskus, geh und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!" (2 Cel 10)

"Stell mein Haus wieder her": Jesus wendet sich an Franziskus persönlich und nennt sich selber Herr und Eigentümer seines Hauses. Doch zunächst nimmt Franziskus diesen Auftrag ganz wörtlich. Er beginnt, die baufälligen Kirchen in seiner Umgebung zu restaurieren. Es waren dies San Damiano, Portiunkula und San Pietro. Er reinigte die Kirchen und sorgt für gute Ausstattung. Als Franziskus 20 Jahre später auf sein Leben zurückschaut, formuliert er kurz vor seinem Tod in seinem Testament: "Und der Herr gab mir in den Kirchen einen solchen Glauben, dass ich in Einfalt so betete und sprach: 'Wir beten dich an, Herr Jesus Christus – und in allen deinen Kirchen, die in der ganzen Welt sind, und preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast'". Auffällig, dass Franziskus diesen großen Glauben nicht durch den Besuch eindrucksvoller antiker Basiliken findet, sondern in einem baufälligen, einstürzenden Kirchlein, das der Herr "mein Haus" nennt. Die Gebrechlichkeit, Verletzbarkeit und Baufälligkeit eines Kirchengebäudes und menschlicher Gemeinschaft ist dem Herrn kein Hindernis. Im Gegenteil, dort ist er gegenwärtig. Er steht zu dieser Schwachheit. Dies hilft ihm zu seiner unerschütterlichen Kirchentreue.

Franziskus spürt, er selber muss tatkräftig zugreifen und aufbauen, wo Kirche in ihrer Lebendigkeit und ihrem Glauben schwach, morsch und ausgehöhlt geworden ist. Von dem Kreuz in San Damiano ruft ihn Christus als der Herr der Kirche, um ihm seinen Platz und seine Aufgabe für und in der Kirche zuzuweisen.

Zwei Kraftquellen bekommt Franziskus für seinen Auftrag, Kirche zu bauen. Es ist die Gewissheit: Die Kirche ist nicht führungslos und verlassen; Jesus Christus ist letztlich in ihr gegenwärtig und wirksam. Zum anderen: es ist der gekreuzigte aber auch siegreiche Christus, der ihm diesen Auftrag gibt. Er trägt auch jetzt die Missstände seiner Kirche und schenkt ihr als Auferstandener seinen Geist und neues Leben. Franziskus will seine Sendung verwirklichen, indem er sich, wie Jesus daran macht, für die Kirche zu leiden und ihr zu dienen. Er verspricht dem Papst Gehorsam und Ehrfurcht und will "allezeit den Füßen der heiligen Kirche untertan und unterworfen sein" (BReg 12). Franziskus bindet den Orden in seiner Person und in seinen Nachfolgern an die Kirche. Dieses "ja" zur Kirche spricht er und hält er durch, weil er überzeugt ist, dass er nur so Christus treu sein kann.


Franziskanisches Leben in der Kirche

Als Franziskus in Portiunkula den Auftrag des Herrn empfing nach der Weise des Evangeliums zu leben, ist es zuerst ein Priester, ein Vertreter der Kirche, der ihm die Worte des Evangeliums erklärt. Er will sie im Gehorsam vor Christus und der Kirche verwirklichen. Franziskus stellt sich nicht selbstsicher als alleiniger Erklärer und Deuter der Schrift über die Kirche, sondern vertraut sich ganz ihrer Weisheit an, mit der sie als Hüterin des Wortes Gottes vom Heiligen Geist ausgestattet ist. Für Franziskus gehört zum Leben nach dem Evangelium das Wort Gottes im Rahmen der Kirche leben. Dies ist der Grund, warum er mit seinen Brüdern im Jahr 1209 nach Rom geht, um sich vom Papst ausdrücklich seine Lebensweise als kirchlich bestätigen zu lassen. Er bindet seinen Orden in seiner Person und in seinen Nachfolgern in Gehorsam und Ehrfurcht an die Kirche. Dem Papst und der Römischen Kirche verspricht er in allem Gehorsam. Dieses gehorsame Ja zur Kirche legt er in der Überzeugung ab, dass er sein Ja zu Christus nur verwirklichen kann, wenn es teilhat an dem gehorsamen Ja der Kirche zu Christus. Franziskus kann sich ein Leben nach dem Evangelium nur im Rahmen der Kirche vorstellen. So folgte seiner Berufung und Sendung durch den Herrn die Sendung und Anerkennung durch die Kirche. Er wusste sich in der Folge auch gesandt durch die Kirche und er drückt dies in der nicht bullierten Regel folgendermaßen aus: "Dies ist das Leben des Evangeliums Jesu Christi, um welches Bruder Franziskus den Herrn Papst Innozenz gebeten hat; das er es ihm gewähre und bestätige; und der Herr Papst gewährte und bestätigte es ihm und seinen Brüdern, die er hatte und haben wird".


Ehrfurcht vor Papst, Bischöfen und Priestern

In seinem Brief an die Gläubigen schreibt der Heilige: "Wir müssen auch häufig die Kirchen aufsuchen und den Klerikern Hochachtung und Ehrfurcht erweisen, nicht allein um ihrer selbst willen – wenn sie Sünder wären – sondern wegen des Amtes und der Verwaltung des heiligen Leibes und Blutes Christi, den sie auf dem Altar opfern und den sie empfangen und austeilen". Franziskus verehrt die Priester, Bischöfe und vor allem den Papst. Er weiß, dass sie Menschen sind und dass auch große Sünder unter ihnen sind, aber er sieht ihre Weihe und sieht, wie sich der Herr auch durch unwürdige Priester verschenkt. Der Gedankengang des Franziskus ist etwa so: Wenn Jesus sich so klein macht und entäußert, dass er sich in die Hände eines sündigen Priesters gibt und sich durch ihn verschenken lässt – wie komme ich dann dazu, im Hinblick auf diesen Priester zu sagen: Du bist mir zu schlecht! Mit dir will ich nichts zu tun haben!


Was ist die Kirche?

Kirche ist für Franziskus Mutter und Dienerin Jesu Christi. Ihre mütterliche Aufgabe ist es, Lebensraum zu bieten und Wachstum fördern. Sie soll durch ihr Leben und Wirken Christus den Menschen bringen. Kirche ist nicht Selbstzweck. Sie ist immer Leben für andere. Franziskus spürt, dass er durch sein Leben etwas von der Art Jesu Christi hochhalten und erfahrbar machen muss. Es gilt zu bezeugen: Jesus Christus lebt. Sein Geist wirkt in den Christen und zwischen den Christen weiter.

Kirche ist nie Selbstzweck, Kirche ist immer Leben für andere. Hier wird der missionarische Auftrag der Kirche deutlich, den Franziskus überzeugend wahrnahm.
Franziskus hatte Jesus Christus entdeckt und war von der Liebe zu ihm erfasst. Liebe zur Kirche kann ihre letzte Begründung nur in einer großen Leidenschaft für den Herrn haben.

Franziskus hatte große Ehrfurcht vor allem, was irgendwie in Beziehung stand mit dem gegenwärtigen Christus: Vor dem Wort und den Sakramenten, vor dem Papst, den Bischöfen und Priestern, vor allen liturgischen Handlungen und Geräten, selbst vor den Kirchengebäuden, die er stets zu pflegen gebot. In seiner Frömmigkeit liebt er die konkrete Veranschaulichung göttlicher Geheimnisse, um ständig an ihre Gegenwart erinnert zu werden. Dies sieht er verwirklicht in der Kirche, vor allem in der Liturgie.

Die Kirche ist der fortlebende Christus, der sein Wirken durch die Verkündigung des Wortes, durch die Spendung der Sakramente und das ganze apostolische Wirken weiterführt. Er ist in dieser Kirche gegenwärtig, auch wenn sie wie ein Scherbenhaufen oder eine Ruine aussieht. Wichtig, dass sie die Tischgemeinschaft mit den Sündern fortsetzt und dass Christus in ihr Schuld vergeben und neue Anfänge schenken kann.


Praxis der Liebe zur Kirche

Wir sollten nicht den Versuch machen, das allzu Menschliche und die Ärgernis in der Kirche abzustreiten. Es gibt Schwächen, Ärgernis und Versagen in der Kirche. Was wir als Franziskaner können und tun sollten ist: ein Bekenntnis ablegen, warum wir dennoch diese Kirche lieben, warum wir – wie Franziskus - durch das entstellte Antlitz immer noch die hl. Kirche erkennen können.
Ich liebe diese Kirche, weil sie jene Macht er Heiligung hat, die Gott in ihr trotz menschlicher Sündhaftigkeit ausübt. Heilige Kirche, weil Gott in ihr sein Werk der Heiligung ausübt, weil ihr all die Hilfen zur Heiligung gegeben sind. Das ist ein besonderes Kennzeichen der Kirche des Neuen Bundes, die Jesus gestiftet hat, dass die Liebe Gottes zu den Menschen sich nicht durch die Unfähigkeit und Unwürdigkeit durch den Undank der Menschen besiegen lässt. Kirche ist gewissermaßen das "Dennoch", das "Trotzdem" Gottes angesichts der menschlichen Schwachheit und Sündhaftigkeit.
Gott ist uns Menschen immer wieder gut. Er wendet sich uns zu, heiligt uns, liebt uns, vergibt uns, auch wenn wir uns dessen nicht als würdig erweisen, auch wenn wir das nicht verdient haben, ja, gar nicht verdienen können.
Ich liebe diese Kirche, weil sich Jesus in ihr und durch sie immer neu den Menschen schenkt. Ja, er schenkt sich und bedient sich dabei der schwachen Menschen und ihrer schmutzigen Hände.
Es ist die Heiligkeit Jesu, die aufstrahlt inmitten der Unheiligkeit der Glieder der Kirche. Mögen die Glieder der Kirche – Priester und Laien – auch unwürdig sein, mögen sie eine schwache Liebe haben, die Liebe Gottes ist größer und schenkt sich immer neu.
So erleben wir in der Kirche das Ineinander von Treue Gottes und Untreue der Menschen. Wir erleben immer wieder, wie Gott seine Gnade an Unwürdige austeilt und sich darin nicht beirren lässt.

Und ich liebe diese Kirche, weil sie ihre Heiligkeit nicht dadurch ausweist, dass sie sich von den Sündern absetzt und einen großen Bogen um sie macht oder sich zur Richterin aufschwingt. Dieses Schwarz-Weiß-Denken, das das Sündhafte verwirft oder ausstößt, kennt Jesus nicht. Seine Heiligkeit äußert sich darin, dass er Gespräche und Tischgemeinschaft mit Zöllnern, Ehebrechern, Ausländern usw. pflegt. Er verurteilt nicht, sondern schenkt erlösende Liebe.
Ich liebe diese Kirche, weil sie die Gemeinschaft ist, in der als Grundgesetz gilt: Einer trage des anderen Last. Kirche ist die Gemeinschaft des einander Tragens und Ertragens, das seine Begründung darin hat, dass jede und jeder von Christus getragen wird. Wir müssen uns fragen lassen: Wie kann einer, der von Ertragen und Getragen werden durch die anderen lebt, das Ertragen aufkündigen? Ist es nicht die einzige Gegengabe, die wir anbieten können, der einzige Trost, der uns bleibt, dass wir tragen und ertragen, so wie wir davon leben, dass andere uns dies schenken.
Wer einmal erfahren hat, wie die Diener der Kirche – Päpste, Bischöfe und Priester – wechseln, wie ihre Formen und Zeichen sich auch ändern können und beobachtet, wie die Kirche trotzdem die Menschen immer wieder aufrichtet, ihnen die Frohe Botschaft verkündet, ihnen Heimat und Hoffnung gibt, Halt bietet in Stunden, wo andere davonlaufen, wie sie heiligt, Schuld vergibt und durch die Sakramente stärkt, kann etwas vom Geheimnis der Kirche erahnen. Er kann sie vielleicht auch lieben. Er kann singen: "Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad in seine Kirch berufen hat, nie will ich von ihr weichen".



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