Spiritualität des Franziskus - Franziskanische Spiritualität
Vortragsreihe von Br. Anselm Kraus OFMconv.
Wer den Sohn liebt, muss auch die Mutter lieben.
Maria von Nazareth in der Sicht des Franziskus von Assisi
Marienfrömmigkeit ist ein Weg unter anderen, der zur Liebe und zum Erbarmen Gottes führen will. Man darf Marienfrömmigkeit nicht gegen Christusfrömmigkeit ausspielen. Von den Wurzeln her gesehen sind sie eins. Das Entscheidende wird immer bleiben, dass wir Menschen zum Erbarmen Gottes finden, uns davon anstecken lassen und selber barmherzig werden.
Franziskus und seine Schriften sind nicht zu denken ohne Marienfrömmigkeit. Der Heilige lenkt unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Geheimnis, in dem die unbegreifliche Liebe Gottes uns Menschen gegenüber sichtbar wird: auf Jesus Christus. Gott ist uns auf den Leib gerückt, er ist einer von uns geworden. Jesus Christus ist der Imanuel, der Gott mit uns; er ist Gott, der uns rettet. Gott liebt diese Welt und mit ihr uns Menschen so, dass er uns seinen Sohn geschenkt hat.
In wenigen Worten macht Franziskus wesentliche Aussagen über Jesus und seine Mutter:
"Dieses Wort des Vaters, so würdig, so heilig und glorreich, hat der allerhöchste Vater vom Himmel durch seinen heiligen Engel Gabriel in den Schoß der heiligen und glorreichen Jungfrau Maria gesandt. Aus ihrem Schoß hat er das wirkliche Fleisch unserer Menschlichkeit und Gebrechlichkeit angenommen. Und er wollte, obwohl er reich war über alle Maßen, selber in der Welt mit der seligsten Jungfrau Maria, seiner Mutter, die Armut erwählen" (BrGl II, 4-6).
Unvermittelt lenkt Franziskus die Augen unseres Herzens auf das Geheimnis, das die unergründliche Liebe zu allem, was Gott geschaffen hat, offenbart: Gott hat uns hinein genommen in die Intimität seines Lebens.
Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er für sie seinen Sohn hingab. Dies ist die tiefe Überzeugung des Franziskus. Diesen Glauben hat er von der Kirche erhalten.
In der Nähe des Franziskus gibt es viele Menschen (die Katharer), die der Meinung sind, die Welt habe ihren Ursprung von einem bösen Prinzip. Die Rettung und Erlösung sei nur möglich, wenn wir aus dem Gefängnis der Materie, d.h. aus der Leiblichkeit, ausbrechen. Diese Leute verachten die Frau, weil sie im Moment ihrer Empfängnis eines Kindes eine Seele in ihrem Körper einkerkere und sie verachten auch die Priester, weil diese durch die sakramentale Verwandlung Gott in ein Stück Brot zwängten.
Franziskus gibt keine große Erklärung gegen diese Irrlehrer ab. Aber er verehrt in Maria die Frau, welche der himmlische Vater als Mutter seines Sohnes erwählt hat und er verehrt die Priester, weil sie den heiligsten Leib und das kostbare Blut seines Sohnes schenken.
Der Glaube des Franziskus ist eine Anfrage an uns: Haben wir etwas von der Offenheit und Demut des Franziskus, um mit Glaube und voller Dank den Herrn zu empfangen, der sich uns durch die Geschöpfe schenkt?
Die Ikone – Die Christusträgerin
Ein schönes Beispiel wie Franziskus seine marianische Spiritualität ausdrückt ist uns sein "Gruß an die selige Jungfrau Maria":
"Sei gegrüßt, Herrin, heilige Königin, heilige Gottesmutter Maria, du bist Jungfrau, zur Kirche gemacht und erwählt vom heiligsten Vater im Himmel, die er geweiht hat, mit seinem heiligsten geliebten Sohn und dem heiligen Geiste, dem Tröster, in der war und ist alle Fülle der Gnade und jegliches Gute.
Sei gegrüßt, du sein Palast.
Sei gegrüßt, du sein Gezelt.
Sei gegrüßt, du seine Wohnung.
Sei gegrüßt, du sein Gewand.
Sei gegrüßt, du seine Magd.
Sei gegrüßt, du seine Mutter.
Und seid gegrüßt, ihr heiligen Tugenden alle, die durch die Gnade und die Erleuchtung des hl. Geistes in die Herzen der Gläubigen eingegossen werden, um sie aus Ungläubigen, zu Gott getreuen Menschen zu machen."
Wie eine Ikone lenkt Maria unsere Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern verweist uns auf das Geheimnis, das sie in sich trägt: Jesus. Franziskus lässt sich vom dichterischen Schwung weiter und tiefer tragen und eröffnet so den Weg für Bilder, die sich ihm aus seiner tiefen biblischen Erinnerung aufdrängen:
Jesus ist der Mensch, der neue Adam, der Messias-König, der Christus.....
Maria ist die Frau, die neue Eva, die Königin, unsere Herrin.
Jesus ist der viel geliebte Sohn, an dem der Vater sein größtes Wohlgefallen hat...
Maria ist die Tochter voll der Gnade, die alle Tugenden hat.....
Jesus ist der Diener, der Knecht, dessen Dienst darin besteht, den Willen des Vaters zu erfüllen....
Gottesgeburt im Menschen
In diesem Gebet grüßt Franziskus litaneiartig die Gottesmutter. Die Ehrung Mariens ist eingebunden in die Verehrung der heiligsten Dreifaltigkeit. Alle Aussagen haben ihren Grund darin, dass Maria Mutter Gottes ist. Das Bild von Maria als Wohnung Gottes wird in drei Entfaltungen dargestellt: "Sei gegrüßt, du sein Palast. Sei gegrüßt, du sein Gezelt. Sei gegrüßt, du seine Wohnung". Gott hat Wohnung genommen in Maria.
Franziskus wünscht, dass alle Menschen wie Maria Wohnung für den Herrn werden. Er schreibt: "O wie selig und gebenedeit sind jene Männer und Frauen, wenn sie dies tun und darin ausharren, denn auf ihnen wird der Geist des Herrn ruhen und er wird sich bei ihnen eine Wohnung und Bleibe schaffen. …Mütter (Christi) sind wir, wenn wir ihn durch die göttliche Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir bringen ihn zur Welt durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll." (Brief an die Gläubigen I, 7 und 10).
Die Gottesgeburt im Menschen wird sich dort ereignen, wo sich ein Mensch dem Wirken des hl. Geistes so wie Maria öffnet. Wer für den hl. Geist empfänglich ist, empfängt Jesus wie Maria, bringt ihn aber nicht wie sie als Kind zur Welt, sondern durch gute Werke und ein Leben, das an Jesu Art erinnert. E. Jungclausen schöpft die mystische Tiefe des Franziskus aus, wenn er betont, dass Marienverehrung im Sinne des Franziskus die "Maria in uns" entdecken und erwecken soll. Sie sei der jungfräuliche Teil in uns oder unser Anteil an ihr. Gemeint ist der für Gott empfängliche Kern in uns, unser tiefstes Selbst.
Alles in diesem Gebet zeigt die biblische Grundlage der Marienfrömmigkeit des Franziskus auf. Die Bilder, die Franziskus verwendet, verweisen uns auf unsere Urspünge und geben einen Blick in die Zukunft. Durch die Bilder vom neuen Adam und der neuen Eva sind wir eingeladen zu betrachten, wer wir sind, wir, die berufen sind, immer mehr zum Bild und Gleichnis Gottes zu werden.
Franziskus betrachtet den Heilsplan Gottes im Hinblick auf Jesus und Maria. Mit ihm sollen auch wir fähig werden, in der Hoffnung zu wachsen, den Ruf zur Heiligkeit aufzunehmen und –durch Umkehr - eine neue Schöpfung zu werden zur Ehre Gottes.
Die Magd
Für Franziskus ist Maria die Magd Gottes; sie ist die, die sich in den Dienst des Liebesplanes des himmlischen Vaters gestellt hat. Franziskus betrachtet immer wieder den wichtigen Schritt im Handeln Gottes an Maria, nämlich die Verkündigung. Er sucht die Beziehungen zu verstehen, die Gott zu den Menschen hat. Die Rolle Mariens in diesem geschichtlichen Augenblick zeigt die beispielhafte, volle, menschliche Mitwirkung beim Werk der Erlösung: Gott kommt zur Welt, auf Grund der Zustimmung Mariens und ihrer Mittlerschaft.
Maria, der Priester, und jeder Gläubige und jede Gläubige sind der Weg, den Jesus wählt, um in dieser Welt zu sein.
Maria empfängt das Wort Gottes in ihrem Schoß und schenkt der Menschheit den Jesus der Geschichte.
Der Priester empfängt Jesus in seinen Händen und teilt ihn in der Eucharistie an die Menschen aus; das ist die sakramentale Gegenwart Jesu.
Jeder Gläubige macht durch das Wirken des hl. Geistes die Gegenwart Jesu in dieser Welt erfahrbar. Sie wird sichtbar in liebevollem Handeln.
Für Franziskus wird jede Vermittlung und jeder Dienst marianisch. Gott kommt nur durch die freiwillige Zustimmung der Menschen in diese Welt. Den Weg sieht er so: Der hl. Geist gibt den Menschen einen Impuls; der Mensch nimmt diesen Impuls auf und spricht sein Ja. Dort wird der Mensch zum Segen, wo er empfängt, um zu geben. Franziskus entdeckt das Paradox: Persönlicher Verzicht wird zum Reichtum; wer sich verschenkt, wird gesegnet und wird zum Segen für andere.
Licht des Glaubens
Maria steht ganz in Beziehung zu Jesus und nimmt beispielhaft am Geheimnis Christi teil. Maria ist die Mutter der Lebenden, das fruchtbare Land, auf dem unsere Rettung wächst. Jede menschliche Teilnahme an der Heilsgeschichte bedeutet deswegen Jesus empfangen und ihn an die Welt und die Gläubigen weitergeben. Dies geschieht durch Zustimmung und Mitwirken mit dem Geist der Liebe. Es ist nämlich der gleiche Geist, der in der Menschwerdung unseres Gottes, in der Eucharistie und im christlichen Leben des Gläubigen wirkt.
Maria verkörpert und offenbart das, was wir Menschen werden, wenn wir den hl. Geist empfangen und wenn das Evangelium bei uns Fleisch annimmt. Franziskus zeigt seinen Brüdern und allen Gläubigen nichts anderes auf als dies: Das Leben besteht darin, das Evangelium Jesu Christi in die Tat umzusetzen und so in die Familie Jesu aufgenommen zu werden: "Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln" (Lk 8,21).
Maria ist so das erste Modell eines gelungenen Christenlebens. In ihr ist modellhaft ein ganzes Christenleben aufgezeigt: Es beginnt mit der Erwählung durch Gott, will als Antwort die Weihe des Menschen an Gott und zeigt sich im Segen, der von einem solchen Christenleben ausgeht.
Mit Hartnäckigkeit vertritt Franziskus seine tiefe Überzeugung von der gemeinsamen Berufung aller Christen. Maria und jedes menschliche Wesen sind gerufen, diese tiefe Verbundenheit mit der Dreifaltigkeit zu leben, um so zu Gläubigen zu werden, die das Wort Gottes hören und in die Tat umsetzen.
Unter Mariens Schutz und Schirm
Eine besondere Rolle in der Frömmigkeit des Franziskus spielt das Kirchlein Portiunkula. Thomas von Celano berichtet, dass Franziskus dort seinen Aufenthalt nahm, "weil er glühende Verehrung gegen die Mutter aller Gläubigen hegte" (1 Cel 21). In Portiunkula hat er die Grundzüge seines neuen Weges gefunden. Bei Maria in Portiunkula fühlt er sich geborgen. Franziskus will ein marianischer Mensch sein. Er hält die Türe seines Herzens offen für Gott wie Maria. Er lässt Gott in sein Leben ein und will ihm auch die Türe zu anderen Menschen öffnen. Bei seinen Brüdern fängt er an.
"Die Mutter Jesu umfing er mit unsagbarer Liebe, weil sie uns den Herrn voll Majestät zum Bruder gemacht. Ihr widmete er besondere Lobpreisungen, an sie richtete er Bittgebete, ihr weihte er Herzensanmutungen, so zahlreich und so innig, wie sie eine menschliche Zunge gar nicht auszusprechen vermöchte. Aber was unsere höchste Freude ist, er bestellte sie zur Schutzherrin des Ordens und vertraute ihrem Schutzmantel seine Söhne an, die er zurücklassen musste, damit sie dieselben betreue und beschütze bis ans Ende (2 Cel 198). Wie sehr Franziskus Maria als Fürsprecherin und Mittlerin sieht, wird auch deutlich an der marianischen Antiphon, die er allen Gebetszeiten voranstellt:
"Heilige Jungfrau Maria, unter den Frauen in der Welt ist keine dir ähnlich geboren, Tochter und Magd des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, Mutter unseres Herrn Jesus Christus, Braut des hl. Geistes: Bitt für uns mit dem heiligen Erzengel Michael und allen Mächten der Himmel und allen Heiligen bei deinem heiligsten, geliebten Sohn, dem Herrn und Meister" (Offizium vom Leiden des Herrn).
Die Titel, die Franziskus Maria gibt, erläutern, was Gott an ihr getan hat und sie vor allen Frauen auszeichnet. Da ist einerseits von "Tochter" die Rede. Hier steht das Handeln Gottes im Vordergrund, ihre Erwählung durch Gott. In dem Wort "Magd" steht Marias Bereitschaft und Hingabe an Gott im Mittelpunkt. Die beiden Begriffe drücken Würde und Dienstbereitschaft aus. Ihre Titel: Tochter, Mutter, Braut, Magd verlangen nach Bezugspersonen. Das sind der himmlische Vater, ihr Sohn Jesus Christus und der hl. Geist.
Franziskus möchte nicht allein sein beim Beten. Deshalb verbindet er sich im Geist mit Maria, mit dem Erzengel Michael, den Engeln und Heiligen. Er weiß sich bei seinem Beten in einem großen Chor.
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